... und was sagt der Arzt?

17. Mai 2005, 20:52
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Ein Gegenbefund - Kommentar der anderen von Marcus Franz

Der Bogen der neueren österreichischen Geschichte spannt sich weit: Vom Weltreich Kaiser Karls des V., in dem die Sonne niemals unterging, bis hin zum lichtlosen Keller, in dem der zwar historisch nicht reale, dafür umso symbolkräftigere Herr Karl seine Reden hielt. Zwischen diesen Polen liegt fast alles, was Österreich je zu sein vermochte. Im Imperium Karls zeigte sich ein glanzvolles, strahlendes Österreich am Zenit seiner Macht, in der Kunstfigur des Herrn Karl hingegen symbolisierte sich das zerstörte Nachkriegs-Österreich als dumpfe, kleingeistige Provinz, deren Interessen über ein unbehelligtes Dasein im zwielichtigen Souterrain kaum hinausgingen.

Aus diesem Spannungsfeld zwischen einstiger bombastischen Größe und der nach 1945 geografisch ebenso begrenzten wie politisch tristen Realität, die von verdrängter Schuld, "braunen Flecken" und einer Prise Schlitzohrigkeit geprägt war, der aber auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht ganz fehlte, entspringt jene Republik, die nun im "Gedankenjahr" ebenso extensiv gefeiert wie kritisiert wird. – Zu recht?

Der eine ... Ein Schritt zurück schafft die nötige Distanz zum Bild der jeweiligen Kontrahenten – und mit ein bisschen Abstand erkennt man: Beide Parteien sind in ihrem Wesen ein und dasselbe. Noch nicht ganz klar beim Betrachten des Österreich-Bildes ist allerdings, wo dieses mit sich selbst ringende Wesen hin will und was es überhaupt sein will. Eines immerhin scheint evident: Die Verknüpfung der im Gedankenjahr aufbrechenden Gegensätze "Jubel und Kritik" und deren Auflösung wird vorläufig noch immer ermöglicht durch die Neutralität.

Entlang der nach wie vor ungebrochenen Zustimmung zu diesem Status gilt der Satz "Österreich ist frei" in einer ganz besonderen Weise: Wer sich nicht entscheiden kann zwischen seinen Haltungen, der bleibt erklärtermaßen neutral, wer für nichts ist, ist für alles, wer nirgendwo dazugehören will, aus Angst, Scham oder daraus entstehender Überheblichkeit, der kann heute feiern und morgen kritisieren, kurz: der Neutrale ist frei, fröhliche Feste zu feiern und im Kater danach das Gefeierte zu bemängeln.

... und der andere Karl

Und wer trotz allem bei klaren Standpunkten bleibt, gilt bald als Nestbeschmutzer bald als Hurra-Patriot, je nachdem, und rechtfertigt dadurch nur umso mehr die jeweils konträre Haltung des anderen.

Die Neutralität kann verstanden werden als die Chimäre aus Kaiser Karl V. und dem Herrn Karl. Das dialektische Prinzip "These-Antithese-Synthese" heißt beim gelernten Österreicher vorerst noch immer "Groß-Klein-Neutral" und erfüllt sich im Staatsvertrag. Und das will gefeiert sein – oder auch beklagt.

Am Ende des Gedankenjahres aber könnte durch die Debatten zwischen Kritikern und Jubilaren eine Erkenntnis gewonnen sein: Österreich braucht seine bösen, despektierlichen Lästerer genauso wie seine staatstragenden, feiernden Politiker, es braucht seine herzeigbaren Größen ebenso wie seine stolzen kleinen Bürger. Denn nur aus diesen Gegensätzen heraus kann das Land einmal eine neue, haltbare und überzeugende Identität als gereifter europäischer Staat entwickeln und sich schrittweise von den Schatten der Vergangenheit lösen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Neutralität im kollektiven Bewusstsein als passagerer Zustand begriffen wird, den man früher oder später überwinden muss. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.05.2005)

Zur Person

Marcus Franz
ist Facharzt für Innere Medizin in Wien.
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