Helden durch die Hintertür

17. Mai 2005, 20:49
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Nach dem Staatsvertragsjubel: Die Debatte um die "Selbstfindung" der Republik geht weiter - Kommentar der anderen von Isolde Charim

Zur Logik der "Jupiterhistorie": Während die Gefechte zwischen "Aufklärern" und "Apologeten des Vergessens" andauern, hat sich – von den Kontrahenten unbemerkt – ein neuer Staatsmythos etabliert.


Das "Gedankenjahr" hat nun, allen Erwartungen zum Trotz, doch eine erstaunliche Wendung genommen. Zum Stand der Dinge:

In den Feuilletons wird ebenso ungebrochen wie heftig über den Umgang der Republik mit ihrer Vergangenheit debattiert: Während vornehmlich Zeithistoriker die Opferthese anprangern und das Verdrängte der nationalsozialistischen Vergangenheit zur Sprache bringen wollen, schleudern ihnen ihre Gegner die These von der unheilvollen Wirkung solchen Gedenkens entgegen: Dieses verhindere den gesellschaftlichen Frieden.

Die mit erstaunlicher Frequenz dargebotenen Heilsangebote erstrecken sich von der trostreichen Funktion der österreichischen Lebenslüge (Konrad Paul Liessmann, STANDARD, 30. 4.) über die Versöhnung durch gemeinsames Beschweigen des Vergangenen (Wolfgang Müller-Funk,28. 4.) bis hin zur kategorischen Forderung nach Vergessen als einzigem Weg zur gesellschaftlichen Kohäsion (Rudolf Burger).

Unausgesprochen werden dabei übrigens die "Lebenslügner" zu jenen, die die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik geschrieben haben, während die Mahner nur als Störenfriede auftauchen. Und wie kann man Versöhnung oder Vergessen fordern, "solange die Opfer sich noch so gut erinnern" (Aleida Assmann)?

Trotz aller Einwände sollten wir uns dabei aber nicht aufhalten, denn nicht dies ist das eingangs erwähnte Erstaunliche. Nicht diese Argumente, nicht diese – altbekannte! – Auseinandersetzung. Nein, erstaunlich ist etwas ganz anderes: die Veränderung des offiziellen Diskurses und die Tatsache, dass dies von den Kontrahenten im Getöse des Feuilleton-Gefecht paradoxerweise nicht bemerkt wurde – abgesehen von Franz Schandl, der an dieser Stelle bereits am 2. Februar den erstaunlichen Prozess der Eingemeindung der Kritik beschrieben hat.

Dieser neue Ton wird nicht nur an den klaren Worten bei der Gedenkfeier in Mauthausen deutlich, wo etwa die Rede war von "unserer Trauer und unserer Scham" (Schönborn), oder in der Forderung nach Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren (u. a. Heinz Fischer) Er lässt sich – wenn auch leiser – selbst in offiziellen Stellungnahmen seitens der Regierung (dieser Regierung!) vernehmen. Auch die von ihr beauftragten und finanzierten Gedenkbroschüren sprechen von einem "veränderten Umgang Österreichs mit seiner Vergangenheit"!

Kein Zweifel: Die These, der zufolge Österreich das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen sei, ist nicht mehr dominant, die partielle Anerkennung des eigenen Tätertums fast schon "obligat". Wir sind diesbezüglich zwar noch immer weit von deutschen Verhältnissen entfernt. Aber immerhin – es hat sich etwas verändert. Der Blick nach Europa, die Notwendigkeit, ein europäisches Gesicht Österreichs zu präsentieren, haben diese späte – und heute billig zu habende – Veränderung bewirkt. Und weder der bisherige aufklärerische Gegendiskurs noch dessen teilweise Ressentiment-geladene Abwehr mit ihrem Ruf nach Vergessen werden dieser Verschiebung gerecht.

Wie ein Phönix ...

Denn worin besteht der "Umbau des Staatsmythos" (Schandl)? – Die Verdrängung des Nationalsozialismus als offizielle Doktrin wurde abgelöst von einer Erzählung, die der NS-Zeit und deren Ende eine fundierende Dimension für die zweite Republik zuspricht.

Diese Entwicklung der offiziellen Position zeichnet übrigens in erstaunlicher Weise jene des kritischen Diskurses nach: War in der Waldheim- Diskussion 1986 die Verdrängungsthese vorherrschend, so stützte sich der Einspruch gegen Schwarz-Blau vornehmlich auf die NS-Erfahrung als Ursprungsgeschichte dieser Republik.

Sprechen Regierung und (außerparlamentarische) Opposition jetzt also eine Sprache? Wird die bisherige Kritik nun offizieller Diskurs? Oder anders gefragt: Sind wir nun näher bei der Wahrheit?

Tatsächlich hat die beschriebene Entwicklung eine etwas andere Pointe: Der neue "Staatsmythos", die neue Geschichtskonstruktion der Regierung ist nicht näher an der Wahrheit sondern "wahrer als wahr".

Denn ihr gelingt es, die Geschichte einer schuldhaften Verstrickung und deren Scheitern – also alles andere als eine glanzvolle Erzählung – in das zu verwandeln, was man eine "Jupiterhistorie" nennen könnte. So bezeichnet Michel Foucault eine Geschichte, deren Funktion darin besteht, "ein Ritual zur Stärkung der Souveränität zu sein". Wie diese erstaunliche Leistung zustande kommt, diese Vergangenheit in eine Siegeserzählung verwandelt wird, ist eine nähere Betrachtung wert.

Wichtigste Strategie bei dieser Umkodierung ist es, das private Erinnern ins Zentrum des Gedenkjahres zu rücken. Zahlreiche Ausstellungen, Filmdokumente u. ä. widmen sich dieser Perspektive. Die gefühlte Geschichte füllt den gesamten Erinnerungsraum: der Republik. Dies hat einen doppelten Effekt: Da der biografische Blick auf die Geschichte heute, 60 Jahre danach, nicht mehr primär an eigene Leiderfahrung gebunden sondern von Familienerinnerung geprägt ist, kommt es naturgemäß zu Konstruktionen, in denen versucht wird zu rationalisieren, zu exkulpieren – kurz, ein identifizierbares Gutes auszumachen. Geschichte als Erinnerung an innerfamiliäres Leid vollzieht sich vor allem unter dem Zeichen des Verstehens.

Eben daraus folgt der zweite Effekt solcher Privatisierung: Indem die Konkretion des Persönlichen sie gleichzeitig zu allgemeinmenschlichem Leid abstrahiert, verliert Geschichte ihre politische Dimension. Hier entsteht ein neuer, ganz anderer Opfermythos. Dieser fügt sich nahtlos in einen neuen europäischen Diskurs ein, der im Namen des Gedenkens eine Verwischung der trennenden historischen Erinnerungen vollzieht.

... aus der Asche

Wenn etwa auch die Deutschen ihre eigene Leiderzählung entdecken – als Opfer der Alliierten Bombardements oder als Vertriebene –, so entsteht dabei eine neue Gleichsetzung aller Opfer des Weltkriegs. Entgegen dem europäischen Gründungsgedanken steht diese im Zeichen einer Viktimisierung, die so abstrakt und so allgemein ist, dass sich alle Seiten darin wiederfinden können – auch der neue österreichische Staatsmythos.

Und genau diese Leiderzählung eröffnet paradoxerweise die Möglichkeit, ihre heroische Überwindung darzustellen, die Jupiterhistorie, die den Trümmern wie ein Phönix der Asche entsteigt.

Die alte DDR-Hymne könnte das "wahre" Motto dieses Gedenkjahres liefern: Auferstanden aus Ruinen. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.05.2005)

Zur Person

Isolde Charim ist Philosophin in Wien.

Unter diesem Titel kuratiert die Autorin ab 14. Juni eine Diskussionsreihe in Wien.
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    "Auferstanden aus Ruinen" - Teilnehmer an den offiziellen Staatsvertragsfeiern im Oberen Belvedere.

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