Kopf des Tages: Pascal Lamy

12. Juli 2005, 14:47
posten

Der Prophet des Freihandels gilt zu Hause wenig

"Soldaten-Mönch" nennen ihn die Franzosen oft: Mit seinem Stahlblick, Kahlschädel und spitzen Ohren wirkt Pascal Lamy, nächster Generaldirektor der Welthandelsorganisation WTO, wie ein Asket der harten Sorte. Ist er auch. Der 58-jährige Freizeitmarathonläufer mit gleich drei Eliteschulabschlüssen gilt als brillanter Diplomat, scheute sich als EU-Handelskommissar aber nicht, George Bush auszurichten: "Wir haben einen Revolver – und den Finger am Abzug." Gemeint waren Gegenmaßnahmen der EU zum amerikanischen Stahlprotektionismus.

Lamy tritt auch seinen eigenen Landsleuten gern auf die Zehen. So 2004, als er die französische Regierung sehr direkt an die Defizitvorgaben des EU-Stabilitätspaktes erinnerte. "Wir werden Frankreich an seine Pflichten erinnern, liebenswürdig, aber entschlossen, mit der Hand am Käppi, wie es die Gendarmen tun. Notfalls ziehen wir dann den Strafzettel aus der Tasche."

Regelmäßige Treffen mit José Bové

Beim Auftakt der Welthandelsrunde 2001 staunten Globalisierungsgegner in der arabischen Stadt Doha: Während das Gros der Unterhändler hinter verschlossenen Türen tagte, besuchte Europas Chefdelegierter Lamy das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior" – mit aufgekrempelten Ärmeln und offenem Hemd, sodass die Krawatte des Greenpeace-Direktors etwas steif wirkte. Lamy – verheiratet, drei Kinder – sagte damals: "Eine andere Welt ist zweifellos möglich, nur nicht schon morgen." Mit Bauernführer und McDonald's-Demolierer José Bové trifft sich der neue WTO-Chef – im Gegensatz zu anderen Vertretern der etablierten Politik – immer wieder zum Gespräch.

Lamy gilt als politischer Ziehsohn von Exkommissionspräsident Jacques Delors. Viele Franzosen rümpfen aber über ihn die Nase, da Lamy die Subventionen für die französischen Bauern als unfair den Entwicklungsländern gegenüber bezeichnet. Nicht sein eigener Staatschef Jacques Chirac, sondern der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki gratulierte Lamy deswegen als Erster zur WTO-Nominierung.

Viele Skeptiker in der eigenen Partei

In Paris stößt Lamys Credo von der "Marktöffnung für alle" kaum auf Begeisterung – schon gar nicht in seiner eigenen sozialistischen Partei. Sie hält ihm vor, er leiste dem Freihandel à l'américaine Vorschub. Lamys und Bushs Ansichten von freiem Welthandel gehen in Wirklichkeit weit auseinander. Nicht nur bei der Stahl-, sondern auch der Baumwollproduktion schotten die USA stärker ab, als es dem sozialliberalen Franzosen recht ist.

Alles in allem scheint Lamy jedoch der ideale Kompromisskandidat zwischen USA und Europa, Ost und West, Nord und Süd zu sein, der den farb- und glücklosen Thailänder Supachai Panitchpakdi am 1. September 2005 abzulösen soll. (Stefan Brändle, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.5.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.