Flutlicht

18. Mai 2005, 19:33
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Es war am Wochenende. Und als ich P. sagte, dass er mich für ebensolche Bemerkungen früher gesteinigt hätte, war er beleidigt...

Es war am Wochenende. Und als ich P. sagte, dass er mich für ebensolche Bemerkungen früher gesteinigt hätte, war er beleidigt. Aber weil ihn das Flutlicht blendete konnte er nicht sehen, dass ich zufrieden drein blickte. P. war sauer: Ich hätte mich absichtlich so gesetzt, dass nicht ich, sondern er das Licht in die Augen bekommen müsste, raunzte er – dass er vor mir eingetrudelt war, sei eine faule Ausrede.

Es war halbspätabends. Wir saßen im Museumsquartier. Im Haupthof. Nicht auf den mintgrünen, Enzi genannten, Sitzknotzdingsbümsen, sondern im Gastgarten der Kantine. Anfangs fiel uns nicht auf, dass wir in gleissendes Licht getaucht waren: Die Flulichtanlage, die einem kleinen Fußballstadion zur Ehre gereichen würde, war voriges Jahr noch nicht da gewesen. Zumindest war sie nicht aufgefallen.

Infrastruktur

Und wenn sie nur geflutet hätte, wäre sie uns nicht aufgefallen: Licht, das nur da ist, wird – in erträglichen Dosierungen - als gegeben akzeptiert. So wie eine Geräuschkulisse. Erst die Veränderung der Rahmenbedingungen macht Infrastruktur bewusst. Aber im großen Hof wurde das Licht sehr rasch sehr präsent.

Als P. in der Karte las und es schlagartig dunkel wurde, war das noch nicht schlimm. Aber als dann im Wenige-Minuten-Takt Operationssaallicht unseren Tische erhellte und dann wieder Nacht ausbrechen durfte, wurden wir aufmerksam: Die Fluter waren so eingestellt, dass jedes Lokal und jedes Eck immer wieder ausgeleuchtet wurde – so, wie an einer Grenze. Oder in einem Gefängnis.

Rausschmeisserlicht

Wir hatten Glück: P. – ich saß ja mit dem Rücken zum Licht – wurde nur geblendet. Aber da wir uns lange kennen, war das nicht schlimm. An einigen Nachbartischen - und erst recht auf den Enzi-Liegen – sah das anders aus. Denn nicht umsonst heißt Neon- oder Flutlicht in Discotheken und Bars auch „Rauschmeisserlicht“: So gut kann man sich gar nicht schminken, dass nicht jeder Pickel hart hervorsticht – wer da im halbdunkel-weichen Licht auf zartes Näherkommen setzt, kann sein blaues Wunder erleben.

Vielleicht, meinte P.s Freundin M., sei das Verhindern der Anbahnung der Körperlichkeit ja das Ziel hinter dem Lichtkonzept. Denn da wir uns im Kunstquadranten der Stadt befänden, meinte M., müsse hinter den Attacken Absicht stecken. Künstlerische Absicht.

Festbinden

P. geriet in Rage: Er tippe eher darauf, dass der Chef des Quartieres an seiner Karriere als Lichtorgelspieler in einer Dorfdisco arbeite. Aber wenn es nach ihm, P., gehe, werde der Mann keinen Job bekommen – sondern stattdessen im Hof festgebunden werden. Mit Blick ins Licht. Mit Streichhölzern in den Augen – damit seine Lider offen gehalten würden.

M. war entrüstet: Es gehe ums Prinzip. Um die Freiheit der Kunst, erklärte sie. Und wenn P. Absicht, Kontext und Aussage nicht (er)kenne, dürfe er einem Werk, das er nicht verstehe, nicht mit unverhohlener Aggression gegenüber treten. Das sei kleingeistig. Es stehe ihm besser an, zu versuchen, das Werk zu verstehen – und in sich Nachschau zu halten, woher die Widerstände gegen Formen von Kunst kämen, die man nicht verstehe.

Körperverletzung

P. explodierte: Das hier – er zeigte ins Licht – sei keine Kunst, sondern eine Qual. Vielleicht sogar Körperverletzung. Außerdem weigere er sich, das Diktum von der Freiheit der Kunst als Generalvollmacht für nervende Lichtspiele zu akzeptieren. Und dass man von ihm nach katholisch-kommunistischer Vorlage da auch noch Selbstkritik, Einkehr und Buße verlange, sei dreist.

An dieser Stelle musste ich lachen. Weil P. mir diesen Vortrag oft genug selbst gehalten hatte. Zu den verschiedensten Anlässen. Freilich: Da hatte das Licht nie in seine, sondern immer in meine Augen gestrahlt.

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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