"Ich unterschätze Jörg Haider nie – er hat viele Leben"

17. Mai 2005, 18:58
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Wahlstratege Stanley Greenberg sieht im STANDARD-Interview die EU-Präsidentschaft als Handicap, Haider vor dem Comeback

STANDARD: In den USA gewannen die Republikaner mit dem Werte-Thema. Kann die ÖVP mit einem ähnlichen Konzept erfolgreich sein?

Greenberg: Die Republikaner gewannen, weil sie kulturelle Polarisierung verstärkten. Das ist auf Europa kaum übertragbar. Allerdings gelang es früher der FPÖ, Themen wie Immigration zu nutzen und sie mit dem kulturellen Wertekonnex zu verbinden.

Prinzipiell gilt: Die Wahl gewinnt die Partei, die erfolgreich die Frage definiert, um die es bei der Wahl geht. Labour war in Großbritannien etwa erfolgreich, weil sie Wirtschaft als die Wahlfrage definierte.

STANDARD: Sie haben die FPÖ angesprochen. Sie hat sich mit BZÖ einen neuen Namen verpasst. Kann das funktionieren?

Greenberg: Natürlich gäbe es Platz für Protestparteien. Aber ob FPÖ oder BZÖ das ausfüllen können, ist zweifelhaft. Ich unterschätze Jörg Haider nie. Er hat viele Leben. Aber er war schon länger auf dem absteigenden Ast. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so schwach wie derzeit bleibt – es wird wohl eine Art Comeback geben. Aber dass er auch nur annähernd an seine Zielmarke 18 Prozent herankommt, halte ich für unmöglich.

STANDARD: Österreich hat 2006 die EU-Präsidentschaft. Hilft das der Regierung?

Greenberg: Es gibt eine Vermutung, dass es Kanzlern von kleineren Staaten hilft, in diese größere Rolle des EU-Ratspräsidenten zu schlüpfen. Andererseits habe ich es bei Tony Blair beobachtet: EU-Ratspräsident sein ist wie eine Katzenherde hüten. Für Kanzler Wolfgang Schüssel gibt es rund um die EU-Verfassung, die Türkei-Verhandlungen, das Budget viele schwierige Punkte – daher zweifle ich, ob ihm das wirklich hilft.

STANDARD: Sie haben 2002 für die SPÖ gearbeitet. Warum das schlechte Ergebnis?

Greenberg: Jede Partei muss für einen Wahlsieg mit ihrer Vergangenheit klarkommen. Die SPÖ muss, wie alle linken Parteien, deutlich sagen, wie sie zu Steuererhöhungen und Schuldenmachen steht.

STANDARD: Wie groß ist der Anteil von Alfred Gusenbauer? Von Ihnen ist der Rat "put him in a team" überliefert?

Greenberg: Ich weiß nicht, ob der Satz so fiel. Auf jeden Fall ist die Frage der Einigkeit für linke Parteien sehr wichtig. Daher ist der richtige Rat für die SPÖ, zusammenzustehen und ein Team zu bilden. Denn wenn man eine chaotische Kampagne hat, glauben die Leute, dass man in der Regierung chaotisch sein wird. Wenn hingegen die Parteispitze in der Kampagne vereint ist, glaubt man, dass sie in der Regierung vereint ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.05.2005)

Das Interview führte Eva Linsinger

Zur Person

Die Erfolgsbilanz auf der Homepage des 60-jährigen Kommunikations- beraters Stanley Greenberg liest sich wie das Who’s who internationaler Politik: Der Wahlstratege aus den USA hat Bill Clinton, Tony Blair, Ehud Barak, Nelson Mandela und Gerhard Schröder zu Wahlerfolgen geführt.

Der "Vater der modernen Politik-Umfrage" (Londons Times über Greenberg) arbeitet auf der Grundlage ausführlicher Umfragen, lässt in Fragebögen Stimmungen abtesten und erstellt daraus Analysen.

In Österreich hat er 2001 für Wiens Bürgermeister Michael Häupl und 2002 für SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer gearbeitet. Mit gemischten Erfolgen: Häupl gewann die absolute Mehrheit – Gusenbauer fiel auf Platz zwei zurück. Für beide ist er auch im kommenden Wahlkampf aktiv.
  • Stanley Greenberg: "Die SPÖ muss, wie alle linken
Parteien, deutlich sagen, wie
sie zu Steuererhöhungen und
Schuldenmachen steht."
    foto: standard/cremer

    Stanley Greenberg: "Die SPÖ muss, wie alle linken Parteien, deutlich sagen, wie sie zu Steuererhöhungen und Schuldenmachen steht."

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