Wider die reine Vernunft

9. März 2006, 23:01
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Der Polizeimagnet: Warum man mit der BMW K 1200 R gar nicht so schnell vorankommt, liegt nicht am Motor - Harald Fidler für derStandard.at

So deftige Geräte haben ihre Nachteile. Vor allem, wenn sie noch Seltenheitswert haben wie die brandneue, nackte BMW K 1200 R. Man kommt einfach nicht weiter damit. Zumindest jedes zweite Exekutivorgan will das derzeit stärkste Naked Bike aus der Nähe betrachten. Besonders gern in Sonnengelb. Mit der bin ich gerade gefahren. Wenn sie mich ließen.

Kappen tragende Gefahr

Selbstverständlich gehöre ich zu jenen gesetzestreuen und besonnenen Menschen, die sich stets an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten. Danke also allen entgegenkommenden Automobilen für das freundliche Warnblinken auf meinem Weg zur Dopplerhütte (Für Auswärtige: die Wiener Hausstrecke für dringende Testfahrten von Wien nach Königstetten am Rand des Tullnerfelds) und allen zweirädrigen Kollegen für jenes hektische Auf und Nieder der linken Hand, das Kappen tragende Gefahr signalisiert.

Auch wenn der Zulassungsschein des Gerätes unter mir von doch recht anständigen 120 Kilowatt kündet (bei 10.250 Touren), also 163 PS: Es hätte der Warnsignale nicht bedurft. Oder sagen wir mal: Fast nicht.

Die vorschriftsmäßigen 70 auf der Geraden vor der mobilen Mautstelle hielten den netten Beamten (mit blondem Goatie-Ansatz!) nicht vom wilden Winken ab. Argumente für den Zwischenstopp bewegten sich zwischen nonverbalem Motorradmustern und leisem Staunen über die fette Tröte.

Natürlich hätte das Organ auch einfach arg, arg, arg murmeln können, aber das verbieten bestimmt die Anstandsregeln der Exekutive in Verkehrsfragen. Ich murmle das Mantra ohnehin schon dauernd über die paar hundert Kilometer, die mich BMW fahren lässt. Die 163 Tiere, kombiniert mit dem mehr als ordentlichen Drehmoment von 127 Newtonmetern bei 237 Kilo fahrfertigem Leergewicht (ohne ABS) reißen kräftig an den Armen. Eine BMW? Angeblich ja. Und was für eine freudvolle.

Natürlich hat selbst die sonnengelbste K 1200 R auch etwas schattigere Flecken. 15.900 Euro sind kein Mailüfterl, noch ohne das empfehlenswerte Teilintergral-ABS (über dessen kleine Mucken beim Testgerät wir nicht weiter nörgeln wollen, laut BMW erstmals aufgetreten). ABS macht 1260 extra. Praktisch auch ESA, kurz für die per Knopfdruck adaptierbare Federung und Dämpfung. Auch fein, kostet aber nochmal 780. Dafür halt doch BMW und mit haltbarem Kardanantrieb, der Lastwechsel eigentlich ziemlich geordnet verdaut.

A propos Kardan. Gegenüber der im Vorjahr vorgestellten, verkleideten K 1200 S ist die R etwas kürzer endübersetzt, was einem Naked Bike ja nicht schlecht zu Gesicht steht. Und wo wir schon beim Gesicht sind: Wie zum Beispiel bei der hochbeinigen GS asymmetrische Scheinwerfer, hier frei und tja, kantig sind sie nicht, der Hersteller spricht von Studiodesign, jedenfalls verwandt mit einer Parabel, die ein bisschen zu hart aufgeschlagen ist, kurzum ziemlich chic und sehr markant. Das löst schon beim ersten Polizistenblick von vorne den Begutachtungsreflex aus.

Naher Verwandter

Die Verwandtschaft mit der K 1200 S kann sie nicht leugnen: Der weit nach vorne gekippte Reihenvierer mit 1.157 ccm und was sonst noch zum Antrieb gehört, das Fahrwerk und die Bremsen erbte auch die R. Einen Hauch steiler der Lenkkopfwinkel, etwas weniger Nachlauf.

Bisschen schattig wird es auch in der Gegend des Tanks, der seinen Buckel übrigens ziemlich hoch streckt: Wie ihre verkleidete Schwester und immer mehr andere Kolleginnen aus Bayern sehnt sich die R nach 98 Oktan, auf dass sie sich mit voller Leistung revanchiert. Und die ersten paar Kilometer - ehrlicherweise zum Gutteil in der Stadt - signalisieren doch recht drängenden Durst.

BMW gibt bei konstant 90 km/h 4,7 Liter auf 100 Kilometer an. Aber wer schafft denn schon mit dem Kraftprotz konstante Geschwindigkeiten? Und was hat Motorradfahren mit der reinen Vernunft zu tun? Bis zu 262 km/H sind jedenfalls möglich.

Apropos Vernunft. Lassen wir Kollegen R. (nicht verwandt oder verschwägert mit dem Testmotorrad) zu Wort kommen. Er hatte die wirklich unangenehme Aufgabe, die 1200 R ein bisschen Gassi zu führen. Dieses Motorrad ein paar Tage stehen zu sehen, wäre doch wirklich ziemlich daneben.

Voll am Punkt

R.s Feedback per Mail bringt die Sache wohl auf den Punkt (wichtig, um die Tragweite zu erkennen: Hinter jedem Satz kam eine Leerzeile):

"Hallo Harald, Papiere sind im Kastel hinter meinem Arbeitsplatz in der zweiten Lade von oben (Der Schlüssel war freundlicherweise auch dort, Anm.). Moped steht vor der Haustüre. Es war das geilste und beste Moped, das ich bis jetzt gefahren bin (Und R. hat auch schon ein paar Fahrten hinter sich, Anm.). Leider sehr durstig! Zehn Liter auf 100 Kilometer. Vielen Dank und Grüße von R."

Wir können uns in etwa ausmalen, wie R. die R Gassi geführt hat. Wie war das nochmal mit der reinen Vernunft? (Harald Fidler, derStandard.at, 17.5.2005)

BMW K 1200 R
Listenpreis: € 15.900,-
Extras (Ausw.):
ABS: € 1.260,-
ESA: € 780,-

Wassergekühlter Viertakt-Reihen-
Vierzylinder, zwei Nockenwellen, 16V
6-Gang-Schaltung
120 KW (163 PS) bei 10.250/min.
127 Nm bei 8.250/min
Topspeed: über 200 km/h
Verbrauch auf 100 km bei konst. 90 km/h: 4,7 l
Leergewicht: 237 kg
zulässiges Gesamtgew.: 450 kg

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BMW

  • Muskeln schaun bei BMW.
    foto: werk

    Muskeln schaun bei BMW.

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