STANDARD-Interview: Was wir alle im Web genau meinen

23. Mai 2005, 11:40
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Semantische Systeme verleihen dem Web Bedeutung und die Möglichkeit von Verständigung über IT-Grenzen hinweg. Über den Stand dieser Dinge sprach Michael Freund mit den britischen Informatikern Alistair Duke und Dave Robertson

Standard: Was bietet die semantische Ebene an grundsätzlich Neuem?

Robertson: Früher gab es kleine Schachteln mit einer komplexen Mechanik drin - die ersten Computer. Denn bekamen die Schachteln lange Drähte, mit denen sie Informationen von weit her holen konnten - das Internet. Tim Berners-Lee hat durch das World Wide Web bewirkt, dass wir alle Web-Inhalte in die Schachteln holen können. Nun, mit dem semantischem Web, geht es darum, wie die Schachteln untereinander und mit den Menschen kommunizieren.

Duke: Es erlaubt jedem mit jedem anderen sinnvoll zu reden. Bei großen Dienstleistungen - wie wir sie bei der British Telecom etwa für das gesamte Gesundheitssystem Großbritanniens vorbereiten - kommt es zu Interaktionen über äußerst umfangreiche Information, die man eindeutig verstehen muss. Das heißt, es muss sehr genau festgelegt werden, was was bedeutet.

STANDARD: Wie löst man dieses ontologische - grob gesagt: die Ordnung und die Relationen betreffende - Problem bei semantischen Systemen?

Duke: Die Leute sagten zunächst: Kein Problem, wir haben ja formale Definitionen. Doch auf der Bedeutungsebene gibt es sehr wohl Probleme, wenn man sich nicht zusammensetzt, einen Konsensus über Regeln erzielt und sagt: "Wir alle meinen genau das." Das muss ständig überprüft werden, nur so werden Regeln interoperabel.

Robertson: Für kleine Domänen ist dies leicht. Innerhalb eines Unternehmens oder einer Uni kann man festlegen, was man wie versteht. Die Schwierigkeiten beginnen, wenn sich mehrere solche Domänen zusammentun und feststellen, dass sie Unterschiedliches meinen, aber mit denselben Ausdrücken (Daten, Worten) ausdrücken.

STANDARD: Das heißt, wenn man die Computersysteme unterschiedlicher Hersteller aneinander anpasst, was bei Mergers zum Beispiel passiert, dann ist die semantische Arbeit noch lange nicht geleistet.

Duke: Da beginnt sie erst. Es kommt zu einem "Ontology Management", vergleichbar mit einem Database Management für Daten. (Anm.: Ontology Management ist der Rahmen für das Laden von Ontologien aus dem Netz und für ihre Modifikation, Speicherung; eine "Ontologie" definiert die Begriffe und Konzepte, die bei der Beschreibung eines Wissensgebiets verwendet werden.)

STANDARD: Welche Richtung werden semantische Systeme in der Praxis nehmen?

Duke: Es kann sein, dass es so gehen wird, wie Microsoft oder andere große Mitspieler wollen. Das angekündigte MS Longhorn soll ja bereits Meta-Daten integrieren, und das könnte einen De-facto-Standard schaffen.

Robertson: Ich hoffe aber auf ein offenes System, wie das WWW eines ist. Das semantische System ist zu groß, als dass ein Unternehmen es monopolisieren könnte.

STANDARD: Wie viele Leute arbeiten zurzeit an der Entwicklung von semantischen Systemen?

Robertson: Unmöglich zu sagen. Im WWW-Konsortium W3C sind Firmen und Universitäten - etwa meine in Edinburgh oder die Universität Innsbruck - zusammengeschlossen, das ergibt allein tausende.

STANDARD: Monika Henzinger von Google hat unlängst in einem STANDARD-Interview ihre Skepsis ausgedrückt, ob das semantische Web sinnvoll gegen Missbrauch geschützt werden kann.

Duke: Ja, das Problem gibt es. Hackers wären in diesem Web sogar schwerer zu finden. Man kann nur versuchen, Vertrauensmechanismen aufzubauen. Das ist in jeder Interaktion schwierig, und in großen, automatisierten erst recht.

Robertson: Wir sind noch sehr weit von einem perfekten Interaktionsmodell entfernt. Wie ich in meinem Vortrag auf der Tagung "Mehr Sinn für bedeutende Prozesse" hier in Wien gesagt habe, gibt es einiges an "bekanntem Unbekanntem" in unserem Forschungsbereich. Etwa, wie man die Koordination zwischen verschiedenen Systemen programmieren kann; oder wie ein semantisches System reliabel (verlässlich, wiederholbar) werden soll. Und das ist noch der einfachere Teil unserer Forschung. Der andere betrifft das "unbekannte Unbekannte", über das ich naturgemäß nichts sagen kann. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 5. 2005)
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FIT-IT
  • Dave Robertson (links) und Alistair Duke (rechts) sprachen bei einer FIT-IT-Tagung über semantische Systeme
    foto: der standard/andy urban

    Dave Robertson (links) und Alistair Duke (rechts) sprachen bei einer FIT-IT-Tagung über semantische Systeme

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