Jetzt kommt es aber dick

23. Mai 2005, 11:40
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Fett ist nicht gleich Fett. Sitzt es im Bauch, kann es lebensgefährlich werden. Früherkennung soll das Risiko mindern

In Tirol zum Beispiel entwickelt man neuartige Methoden, um die Gefahr von Folgeerkrankungen zu sehen, ehe sie zur Belastung für Mensch und Gesundheitswesen werden
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Zwei Top-Nachrichten aus dem Gesundheitsressort. Zuerst die schlechte: Fernsehen macht Kinder dick. Das ergab eine Studie der italienischen Societá Italiana di Pediatria. Besitzen die Kids ein eigenes TV-Gerät, was immerhin bei 60 Prozent der Fall ist, steigt die Gefahr, fettleibig zu werden, um 60 Prozent. Ursache ist nicht das Programm im Berlusconi-Land, sondern die Bewegungslosigkeit beim Schauen. Nachricht Nummer zwei ist eine gute: Wer Topinambur, ein schmackhaftes Knollengemüse aus der Familie der Sonnenblumen, isst, bleibt schlank. Deshalb gibt's den Schnellsättiger jetzt auch in Tablettenform.

Kaum ein Thema eignet sich so gut für Sensationsmeldungen wie der Komplex Übergewicht und Gesundheit. Denn das Interesse am Schlankwerden und -bleiben ist groß. Schließlich hält sich jeder und jede Dritte in Österreich für zu dick, ergab eine Untersuchung der Karmasin-Motivforschung. Doch nicht jedes Gramm zu viel ist ein Grund zur Besorgnis. Aus den USA, dem Land mit den meisten Dicken, kommt Entwarnung. Ein paar Kilo in Reserve steigern die Lebenserwartung, heißt es in einer Untersuchung des Center for Disease Control (CDC), der obersten Gesundheitsbehörde.

Epidemisch

Was dick ist, bestimmen nicht nur die Fashion-Magazine. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Fettleibigkeit schon vor acht Jahren zur Welt-Epidemie ausgerufen und Werte für das gesunde Körpermaß festgelegt. Als fettleibig gilt, wer einen Body-Mass-Index (BMI) von über 30 hat. Übergewichtig ist Mann je nach Alter mit einem BMI zwischen 25 und 30, Frau mit 24 bis 30. Aus medizinischer und gesundheitspolitischer Sicht ist Handlungsbedarf gegeben, denn längst ist aus der vermeintlich individuellen Erscheinung der Fettleibigkeit ein international auftretendes Krankheitsbild geworden. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO beträgt die Zahl der Übergewichtigen mittlerweile weltweit eine Milliarde, darunter 300 Millionen krankhaft adipöse Menschen. Adipositas, die gestörte Regelung von Speicherung und Mobilisierung des Körperfetts, geht wiederum mit einer Vielzahl schwerer, zum Teil chronischer Krankheiten einher. Eine davon ist die Diabetes.

Auf die Frage nach den Ursachen der Volkskrankheit Übergewicht hat die Wissenschaft keine einfachen Antworten parat. Als wesentliche Faktoren gelten: Veranlagung, Lebensstil, Essgewohnheiten, soziales Umfeld, vor allem aber das Fettspeicherprogramm des menschlichen Organismus. Ist dessen Regulation gestört, kommt es zu gesundheitsschädigendem Übergewicht und folgenschweren Erkrankungen.

Metabolisch

Der gängige Sammelbegriff für das Zusammentreffen bestimmter Krankheiten, die aufgrund von Überernährung und Bewegungsmangel entstehen: metabolisches Syndrom. Zum Krankheitsbild gehören: Typ II Diabetes mellitus, Fettsucht, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte und erhöhter Harnsäurespiegel im Blut.

"Früherkennung" nennt Klaus Weinberger, Projektleiter bei Biocrates Life Sciences, der Innsbrucker Technologie-Plattform für Massenspektrometrie, als wichtigste Voraussetzung, Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verhindern. Die Früherkennung des metabolischen Syndroms müsse in den nächsten Jahren Teil der Präventionsmedizin werden, fordert Weinberger. Dem Experten geht es "um Risikosenkung". Damit sei nicht der Kampf um die Kilos gemeint - "ein paar Gramm zu viel sind kein Problem, wenn man sich regelmäßig bewegt" -, sondern um das Eindämmen der Stammfettsucht: der Speicherung von Bauchfett, das, wenn im Übermaß vorhanden, Auslöser gravierender Folgeerkrankungen ist. Das Partnerunternehmen des Kompetenzzentrums Medizin Tirol (KMT) sucht nach neuen biologischen Markern, die auf Stoffwechselerkrankungen hinweisen. Weinberger: "Wir wissen noch viel zu wenig über den Zusammenhang von Zucker- und Fettstoffwechsel. Etwa 500 bis 800 Marker spielen dabei eine Rolle." Über gängige Laboruntersuchungen lasse sich aber nur ein Bruchteil der Werte erfassen. Es gehe nun darum, herauszufinden, welche Marker sich bei Fehlentwicklungen sehr früh verändern, und damit Hinweise zu bekommen, "ob sich ein Patient Richtung metabolisches Syndrom bewegt".

Mit neuer hoch auflösender Massenspektrometrie ließen sich, so Weinberger "aus dem Bruchteil eines Plasmatropfens" 800 bis 1000 Messwerte gleichzeitig feststellen. Bei manchen Untersuchungen könnte man künftig sogar auf Blutproben verzichten. Und zwar durch Atemgas-Analysen. Aus der Zusammensetzung der vom Menschen ausgeatmeten Luft sind Rückschlüsse auf Krankheitsbilder möglich. Mit dem KMT-Partner V&F Medical Development GmbH wird ein Analyseverfahren aufgebaut, das "schnell, einfach und kostengünstig" sein soll. In drei bis vier Jahren will man bei V&F mit der Atemgas-Analyse-Technik Marktreife erlangt haben. (Jutta Berger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 5. 2005)
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    Die Bronzestatue "Poupee" von Fernando Botero: Fettleibigkeit als Schönheitsideal.

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