Analyse: Symbolkräftiges Duell im Schatten des Ätna

24. Mai 2005, 12:38
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Catania entscheidet über Berlusconis Zukunft

Der Stimmzettel ist der Bedeutung der Wahl angemessen. Er ist einen Meter lang und 33 Zentimeter breit und wird die Zukunft der Regierung Berlusconi wesentlich beeinflussen. Im Schatten des Ätna tobt seit Wochen der Wahlkampf für jenes Ereignis, das vom Rechtsbündnis als "Mutter aller Schlachten" gewertet wird. Verliert die Regierungskoalition nach einer lange Serie von Wahlniederlagen auch die Gemeindewahl in der sizilianischen Großstadt Catania, sind nach Überzeugung vieler Beobachter im Herbst vorgezogene Neuwahlen fällig.

Die Symbolhaftigkeit des Duells hat mit der politischen Statur der Gegner zu tun, die sich das Bürgermeisteramt streitig machen: Silvio Berlusconis Arzt Umberto Scapagnini und der ehemalige Ulivo-Innenminister Enzo Bianco. Der Pharmakologe, der den Premier mit geheimnisumwitterten Verjüngungsmitteln versorgt, war gleichzeitig Bürgermeister, Universitätsprofessor und Forza-Italia-Abgeordneter in Straßburg. Doch Scapagnini ist sich seines Sieges längst nicht mehr so sicher wie vor einigen Wochen. Um das Steuer herumzureißen, flog Berlusconi persönlich ein und nahm in Begleitung des Arztes ein Bad in der Menge.

Doch die Euphorie hielt sich in Grenzen. Eine Niederlage in Catania würde die Zerfallserscheinungen der Regierung beschleunigen. Berlusconi steht nach den jüngsten Wirtschaftsdaten mit dem Rücken zur Wand. Das Bruttosozialprodukt ist um 0,5 Prozent, die Industrieproduktion um 5,2 Prozent gesunken. Für heute, Dienstag, hat Wirtschaftsminister Domenico Siniscalco eine Rede zur Haushaltslage angekündigt.

Indes wächst die Nervosität in der Koalition. In der Nationalen Allianz gärt es, die Parteiaustritte häufen sich. Am Wochenende kündigte der ehemalige Kulturminister und Senatspräsident Domenico Fisichella seinen Austritt an. Eine Niederlage in Catania könnte der willkommene Anlass für die fällige Generalabrechnung in der Partei sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.5.2005)

Gerhard Mumelter aus Rom
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