In der Sprache zu Hause sein

8. November 2005, 11:27
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Ob kulturelles Erbe, künstlerische Freiheit oder Sprachbarriere: Dialekt ist Identität. Jugendliche und Künstler erzählen, ob sie sich in ihrer Mundart heimisch fühlen

"Das Wort ,Dialekt' kommt vom Griechischen ,dialegomai', und bedeutet ,miteinander reden'", erklärt der Dialektologe Manfred Glauninger. Wertvoll findet er an Dialekten etwa, dass sie Europa zu einem "bunteren, kulturell vielfältigeren Kontinent" machen.

"Mia hout ma imma gsogt, red gscheid, ned so gscheat", erläutert Lukas Ortner (17) weshalb er Steirisch nie wirklich gelernt hat und sein Dialekt "verwaschen" ist. Er sei froh, Hochdeutsch zu können, identifiziert sich aber nicht mit seiner Redensart.

"Viele Eltern wollen, dass ihr Kind hochdeutsch spricht. Ab der Pubertät wird dann der Dialekt als Differenzierungsmerkmal benutzt, um sich von den Erwachsenen abzugrenzen", nennt Rudolf Muhr vom Grazer Institut für Germanistik einen weiteren Aspekt der Mundart. Das Schulsystem ignoriere die Vielfalt des gesprochenen Wortes in Österreich und gehe davon aus, dass jeder Schüler mit "richtigem" Deutsch in die Schule komme. "Grundsätzlich ist es kein Nachteil, mit Umgangssprache aufzuwachsen, aber durch diese Schulpraxis könnte es zu einem werden."

"Zwor redand d Lehrer i da Schual im Dialekt, abr bi da Matura müssand mir scho Hochdütsch reda", berichtete die Vorarlbergerin Anna Celentano (19). "Dialekt isch zwoar schlampiger, abr halt Kulturerbe und Heimatgfühl für mi. Es möcht i o amol mina oagana Kind witargia."

"Das Problem verringert sich, weil alle Kinder fernsehen und mit der Hochsprache vertraut sind", erläutert Entwicklungspsychologin Brigitte Rollett von der Uni Wien. Man müsse den Kindern zeigen, dass es zwei verschiedene Sprachen sind. Sie wüchsen also zweisprachig auf.

Keine leeren Phrasen

"Man kann sich selbst viel besser rüberbringen", meint Bernhard Widerin, Sänger und Gitarrist der Vorarlberger Mundart-Band Alldra. In der eigenen Sprache sei die Bewegungsfreiheit viel größer und man müsse sich nicht auf Phrasen beschränken, die man bei anderen gehört hat. Vielfach sei das etwa bei englisch singenden Bands der Fall. Durch den Dialekt ergeben sich aber auch Sprachbarrieren in Österreich: "Ich habe in Wien studiert und musste alles dreimal wiederholen, bis man mich verstanden hat", schildert der Vorarlberger. Bernhard erkennt den Dialekt durchaus als sein kulturelles Erbe und Teil seiner Wurzeln an. "Unsere Musik dient aber nicht zur Erhaltung des Dialekts", dieser verändere sich stets. "Wir sprechen anders als unsere Eltern."

"Früher spielten Dialekte eine große Rolle", meint der deutsche Sprachwissenschafter Werner Zillig. Er hält es für wichtig, die Dialektologie, die eine fast "altertümliche Sprachforschung" sei, lebendiger zu machen. Geplant ist ein Schulprojekt, bei dem Dialekte mittels Analysen, Übersetzungen und Diskussionen dokumentiert werden. Der Kärntner Paul Schmalzl (18) kann diesem Projekt viel abgewinnen: "Sihalih soll da Dialekt sein hohn Stöllnwert aholtn." (DER STANDARD, Flora Eder, Julia Grillmayr, Printausgabe, 17.05.2005)

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    Oftmals bedienen sich Künstler des traditionellen Ausdrucks, um Zusammenhänge mit Heimat und Herkunft herzustellen. Jugendliche fühlen sich auch durch ihren Dialekt verwurzelt.

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