"Niemand" gab den Schießbefehl

20. Mai 2005, 08:51
posten

Regierung macht Islamisten für Blutbad verantwortlich - Augenzeugen sprechen von Demos gegen die schlechte soziale Lage

Was passierte am Freitagabend in der usbekischen Stadt Andischan? Glaubt man der usbekischen Regierung, haben die Sicherheitskräfte dort einen Terroranschlag beendet, aber Augenzeugen erklären, dass die Sicherheitskräfte auch auf Demonstranten feuerten. Der usbekische Präsident Islam Karimow beschuldigte am Wochenende die verbotene islamistische Gruppe Hisb-ut Tahrir, hinter dem Anschlag zu stecken. "Das waren Akramisten. So heißt die Hisb-ut Tahrir in Andischan. Zwischen beiden ist praktisch kein Unterschied."

Karimow zufolge hatte in der Nacht zum Freitag eine Gruppe Männer eine Armeekaserne und eine Polizeiwache in Andischan überfallen und automatische Waffen erbeutet. Anschließend stürmten sie das Hochsicherheitsgefängnis und ließen "fast sämtliche Gefangenen frei". Dann verschanzten sie sich im Komplex der Regionalverwaltung und in zwei Gebäuden der Sicherheitskräfte im Stadtzentrum. "Auf dem Weg dorthin nahmen sie mindestens 20 Geiseln, jeden, den sie kriegen konnten", sagte Karimow. "Dann rief einer der Geiselnehmer seinen Sohn in der Stadt an und sagte: ,Wiegle die Leute auf.'" Daraufhin seien Verwandte, alte Leute, Frauen und Kinder zu ihnen gekommen. "Jeweils 300 von ihnen haben sich als menschliche Schilde um die Gebäude postiert. Auf dem zentralen Platz war niemand."

Medienberichte und Zeugen sagen jedoch etwas anderes: Dass auf dem großen Platz vor dem Komplex der Regionalverwaltung am Mittwoch und Donnerstag mehrere Tausend Menschen gegen ein Gerichtsverfahren in der Stadt protestierten und am Freitag schließlich gegen die Politik der usbekischen Regierung.

Karimow erklärte, dass die Sicherheitskräfte bis zum frühen Freitagabend mit den Geiselnehmern verhandelten, deren Forderungen jedoch unannehmbar waren. "Sie verlangten von uns, alle religiösen Gefangenen in Fergahana, Taschkent und anderen Regionen freizulassen", so der Präsident. Schließlich seien die Sicherheitskräfte mit Hubschraubern und gepanzerten Fahrzeugen näher an die besetzten Gebäude herangerückt. So hätten die Geiselnehmer gemerkt, dass sie keine Chance haben. "Sie kamen aus den Gebäuden heraus und schossen", so Karimow.

Bei der Frage eines Journalisten, wer den Sicherheitskräften den Schießbefehl gegeben habe, zuckte Karimov merklich zusammen. "Niemand", sagte er schließlich. "Auf sie wurde geschossen. Deshalb mussten sie das Feuer erwidern." Augenzeugenberichte widersprechen auch dieser Version der Ereignisse. Sie sagen, es waren die Sicherheitskräfte, die das Feuer eröffneten, dass sie schwere Waffen einsetzten und dass sie auch auf unbewaffnete Demonstranten schossen.

Karimow sprach von zehn toten Sicherheitskräften und "vielen Opfern mehr" auf der Gegenseite. Nach unabhängigen Angaben könnten bis zu 700 Menschen umgekommen sein. Am Wochenende und am Montag flammten immer wieder Schießereien in Andischan und an der Grenze zu Kirgistan auf. Außerdem verhafteten die usbekischen Sicherheitskräfte an die 70 mutmaßliche Aufrührer im ganzen Land. Das Unruhegebiet war weiterhin für Hilfskräfte und Journalisten gesperrt.

Der Generalstaatsanwalt in Taschkent leitete Ermittlungen wegen der Anzettelung von Unruhen in Andidschan ein. Der Menschenrechtler Saiddschahon Sajnabitdinow erklärte, dass die Demonstranten nicht die Regierung stürzen, sondern nur ihren Ärger über die schlechte soziale und wirtschaftliche Lage zum Ausdruck bringen wollten. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.5.2005)

Peter Böhm aus Taschkent
Share if you care.