Das "unbeschreibliche Gefühl" war nicht zu spüren

16. Mai 2005, 20:00
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Ein Balkon mit kleinen Schönheitsfehlern lud im ganzen Land zu großen Gesten ein

Im fünfzigsten Jahr des österreichischen Staatsvertrags verreisen sogar Balkone. Zumindest jene, die dem geschichtsträchtigen Belvedere-Original täuschend ähnlich sehen (sollen). In allen Landeshauptstädten gab es am vergangenen Sonntag improvisierte Nachstellungen der berühmten Balkonszene vom 15. Mai 1955.

Im Rahmen der Gedenkjahr-Projektreihe "25Peaces" hatten Herr und Frau Österreicher an diesem Tag die einmalige Gelegenheit, für einen kurzen Moment in die Rolle von Außenminister Leopold Figl zu schlüpfen.

Umringt von Pappkameraden der Minister der Signatarmächte schmetterten etliche Wagemutige - per Autokran in rund zehn Meter Höhe gehievt - mittels Megafon ein "Österreich ist frei" über die jeweilige Landeshauptstadt.

In Linz wagte sich unter anderem der Direktor der oberösterreichischen Landesmuseen, Peter Assmann, auf die Balkon-Kopie unmittelbar vor dem Kunstmuseum Lentos. Die Begeisterung nach dem geschichtlichen Höhenflug hielt sich aber hörbar in Grenzen: "Irgendwie ist das doch alles wie auf einem Jahrmarkt. Der Staatsvertrag mit seiner hohen Symbolkraft wird damit nur sehr bedingt gewürdigt."

Ähnlich kritisch sahen dies auch tatsächliche Zeitzeugen. "Es ist einfach amüsant, wenn da so junge Menschen ,Österreich ist frei' rufen. Das unbeschreibliche Gefühl von damals werden sie aber nicht spüren", schmunzelt Angela Leitner (68), die 1955 als elfjähriges Schulmädchen auserkoren wurde, nach der Staatsvertragsunterzeichnung Leopold Figl einen Blumenstrauß zu überreichen.

Was vielleicht auch daran lag, dass sich in der Nachempfindung Fehler eingeschlichen haben. Erst einmal wurden die als historisch empfundenen Worte Figls - "Österreich ist frei" - nicht auf dem Balkon, sondern im Inneren des Belvedere gesprochen. Und dann hat sich ein falscher Pappkamerad auf den Balkonnachbau geschlichen: Ganz links sollte der britische Außenminister Harold Macmillen stehen, zu sehen war aber der seinerzeitige britische Botschafter Llewellyn Thompson - der damals allerdings schon auch mit John Foster Dulles, Antoine Pinay und Wjatscheslaw Molotow auf dem Balkon war. (DER STANDARD, Markus Rohrhofer, Printausgabe, 17.05.2005)

  • Ein wenig abgehoben: Eine Balkon-Nachbildung wurde auf die Reise in die Landeshauptstädte geschickt – wer wollte, durfte große Worte aus zehn Metern Höhe sprechen.
    foto: rohrhofer

    Ein wenig abgehoben: Eine Balkon-Nachbildung wurde auf die Reise in die Landeshauptstädte geschickt – wer wollte, durfte große Worte aus zehn Metern Höhe sprechen.

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