Barocker Rasen, republikanisches Fest

16. Mai 2005, 19:50
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Am Sonntag wollte die Republik einen dramaturgischen Höhepunkt setzen im Gedankenjahr. Fürs Publikumsinteresse war der Belvederepark freilich viel zu groß

Wien - Nachdem alles vorbei war oder doch zumindest jener Teil, von dem man sich hatte versprechen können, er werde eine Art Staatsakt sein, suchten die Menschen das Weite und fanden es nicht. Die umsichtige Polizei hatte den Prominentenkorridor großzügig markiert vom Schloss zum großen Tor, das Volk quetschte sich durchs Türl hinaus auf die Prinz-Eugen-Straße, und weil es dabei nichts weiter zu tun hatte, bestaunte es die ebendorthin schreitenden Promis, beklatschte freundlich den stets so strahlend lächeln könnenden Kardinal Schönborn, um sich gleich darauf von Ursula Haubner, die ja tatsächlich auf der Suche nach einem Volk ist, bejubeln zu lassen.

"Nee", sagt der junge Mann mit dem geschulterten Kind, "neee, iss kein Zufall, dass ich da bin." Durchaus sei er in voller Absicht ins Belvedere gekommen, einerseits sowieso, denn "dieses Schloss und diesen Park muss man schon gesehen haben, wenn man nach Wien kommt", andererseits "wollten wir auch an der Feier teilnehmen, 's geht ja immerhin um den Staatsvertrag."

Die Frage, aus welcher Gegend nördlich der Weißwurstgrenze er stamme, begrinst er erst einmal, bevor er sie beantwortet. Das mag daran liegen, dass er in einem kleinen Ort namens Liebling zur Welt gekommen ist, und das liegt keineswegs in der Nähe von Hannover, sondern in der Nähe von Temesvár, und auch wenn er eine Zeit lang tatsächlich in Hannover zu Hause gewesen ist, so sei er doch im Grunde ein Sachse geblieben und eben kein Niedersachse geworden, und so gesehen sei es doch verständlich, dass ihn und seine Familie der österreichische Staatsvertrag, wenn schon nichts angehe, so doch interessiere.

Nicht dass er, der lange nach 1955 geboren wurde, irgendeine persönliche Erinnerung daran hätte. Von der in Ungarn lebenden Verwandtschaft freilich wisse er, welch ungeheure Stimmung dieser Staatsvertrag an die Theiß gebracht habe. Eine Stimmung immerhin, die knapp anderthalb Jahre später im Aufstand gegen die Sowjets kulminierte, von denen die Ungarn nichts anderes verlangten, als Österreich schon bekommen hatte.

Übersehenes Signal

Vielleicht liegt es an dieser Erinnerung, dass ihn das Fest im Belvedere - bei all der beeindruckenden Schönheit der Anlage - ein wenig enttäuscht hatte. Irgendwie hat er sich die Feier anderes - größer, staatstragender, vielleicht mitteleuropäischer, würdiger - vorgestellt. Und wohl nicht nur er. Die Sechs-, Sieben-, Achttausend verliefen sich ein wenig zwischen Unterem und Oberem Belvedere. Die Showbühne wurde eher als Berieselung wahrgenommen, die politisch-historischen Reden gelobt, aber in der Hauptsache ihrer Kürze und Unaufdringlichkeit wegen.

Und selbst der finale Schritt auf den historischen Balkon hätte etwas erstaunlich Beiläufiges gehabt, wären da nicht die wackeren Aktivisten gewesen, die den Signatarmächten mit selbst gebastelten zweisprachigen Ortstafeln die noch einzulösende Bringschuld der gefeierten Fünfzigerin signalisierten. Höflich übersahen der Russe und der Amerikaner, der Brite und der Franzose das Signal.

Nix vastehn

An der Längsseite des Schlossparks, dort, wo Raiffeisen und Gösser ihre Zelte aufgeschlagen haben, ist das Signal schon verstanden worten, wenn auch, sozusagen, verkehrt herum. Rot-weiße Baustellenbänder sperren die Rasenflächen, patrouillierende Pfadfinder wiederholen die Aufschriften der zahlreichen Tafeln: "Betreten verboten." Der Vater am Stehtisch des Gösserzeltes rät der im Gras sitzenden Tochter: "Wenn der Wachter kommt, sagst ,Nix vastehn!'"

Der Wachter kommt. Die Tochter geht. Der Vater nimmt einen tiefen Schluck. Und schweigt. Betreten, irgendwie. (DER STANDARD, Wolfgang Weisgram, Printausgabe, 17.05.2005)

  • Am weitläufigen Rasen zwischen Oberen und Unterem Belvedere kam gelegentlich auch so etwas wie Patriotismus auf - in Form von Fahnen.
    foto: standard/newald

    Am weitläufigen Rasen zwischen Oberen und Unterem Belvedere kam gelegentlich auch so etwas wie Patriotismus auf - in Form von Fahnen.

  • Foto: Standard/NewaldAm Balkon herrschte reges Gedränge, hier zeigten sich die Vertreter der Signatarmächte und die Spitzen der Republik, auch jene aus der zweiten und dritten Reihe.

    Foto: Standard/Newald

    Am Balkon herrschte reges Gedränge, hier zeigten sich die Vertreter der Signatarmächte und die Spitzen der Republik, auch jene aus der zweiten und dritten Reihe.

  • Ein paar wackere Aktivisten erinnerten die Signatar- 
mächte und die Bundes- 
regierung mit selbst gebastelten zwei- 
sprachigen Ortstafeln an die noch einzulösende Bringschuld der gefeierten Fünfzigerin.
    foto: standard/newald

    Ein paar wackere Aktivisten erinnerten die Signatar- mächte und die Bundes- regierung mit selbst gebastelten zwei- sprachigen Ortstafeln an die noch einzulösende Bringschuld der gefeierten Fünfzigerin.

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