Schwäche als Vorteil

5. April 2000, 23:09

Verletzlicher Eigensinn: Julia Roberts als "Erin Brockovich"

Erstaunlich vulgär erscheint Superstar Julia Roberts im jüngsten Film von US-Regisseur Steven Soderbergh.

Wien - Erin Brockovich kaschiert nichts. Nach steilen Absätzen folgt viel nacktes Bein, ein Minirock tut danach das Notdürftigste, auch das Dekolleté ist großzügig bemessen. Vor Gericht bietet ihr Aussehen viel Angriffsfläche. Ihr schnoddriger Singsang bestätigt noch jedes Vorurteil der Geschworenen. Also kein Schadenersatz für Erin Brockovich, obwohl sie von einem Auto gerammt wurde. Das Geld hätte die allein erziehende Mutter ohne Job gut brauchen können.

Erin Brockovich liegt eine wahre Geschichte zugrunde, doch die fängt erst später an. Zu Beginn legt Steven Soderbergh, der sich mit dieser Regiearbeit einmal mehr als einer der unberechenbarsten US-Filmemacher bestätigt, Wert auf eine präzise, aber nicht unironische Etablierung seiner Hauptfigur, auf eine detailreiche Milieubeschreibung: ein kleines Haus in den Suburbs von L. A., die Mühsal einer proletarischen Existenz.

Stellenangebote werden herausgestrichen, drei Kinder versorgt, der Nachbar ob des Lärms gescholten. Soderbergh wahrt dabei Zurückhaltung und bleibt doch nah an den Personen, kein Kunstlicht, sondern sonnig warme Farbtöne verleihen den Situationen einen spröden, wirklichkeitsnahen Charme.

Für die große Überraschung sorgt Julia Roberts in der Titelrolle, deren Besetzung wohlgemerkt vor der Wahl des Regisseurs feststand. Soderbergh macht aus dieser Vorgabe das Beste: Er heftet sich an den Hintern seines Stars und inszeniert Roberts so vulgär, wie man sie noch nie sah. Er holt damit hinter dem Glamour der Pretty Woman eine unvermutete Verletzlichkeit und eigensinnige Stärke hervor.

Roberts porträtiert Brockovich als gewitzte Kämpferin, die ihr fehlendes Anpassungsvermögen zum eigenen Vorteil wendet. Den Job bei ihrem einstigen Anwalt erschnorrt sie sich, das Mobbing der Kollegen übersteht sie. Den Zweifel des pensionsreifen Chefs Ed Masry, den Albert Finney in verschwitzten Hemden mit breiten Krawatten kauzig anlegt, zerstreut sie durch Eigeninitiative.

Da sich Hollywood jedoch nur ganz selten auf die Auseinandersetzung mit einer scheinbar ordinären Lebens-und Arbeitswelt beschränkt, muss auch in Erin Brockovich das Alltägliche dem Außergewöhnlichen weichen: Wahr ist nämlich nur das, was das Falsche exemplarisch auf die Plätze verweist. Indem sie die Fakten zu einem Umweltskandal eines fahrlässigen Chemiekonzerns recherchierte und so die höchste außergerichtliche Abfindung in der US-Justizgeschichte möglich machte, wurde die reale Erin Brockovich zu einer Art Heldin der Öko-Bewegung.

Ein Herzensprojekt

Erin Brockovich rollt den Fall aus der Perspektive der Ermittlerin auf und zelebriert dabei die unorthodoxen Methoden, mit denen sie dem Recht zu Gültigkeit verhilft. Der Gerichtssaal wird - anders als etwa in A Civil Action, wo John Travolta um ein ähnliches Sujet prozessierte - fast gänzlich ausgespart, hier geht es um ein Herzensprojekt, das anstatt mit Akten mit dem Köpfchen erstritten wird.

Erin Brockovich versucht uns weiszumachen, dass sich mit Hartnäckigkeit, Ausdauer und einer bestechenden Direktheit dem Gespenst des Spätkapitalismus zu Leibe rücken lässt. Meryl Streep musste dafür in Silkwood zumindest noch ihr Leben lassen. Nunmehr leiden bloß die Kinder und der Liebhaber (Aaron Eckhardt), der die Mutterrolle innehat, unter der ständigen Abwesenheit der Heldin. Im letzten Drittel verfällt Erin Brockovich dann endgültig dem Stereotyp, etwa wenn die Anwälte der weitaus zahlungskräftigeren Kanzlei, die auf den Fall aufspringt, als weltfremde Akademiker desavouiert werden.

Soderbergh versucht in seinem bisher kommerziellsten und geradlinigsten Film - man vergleiche dazu etwa die raffinierten Ellipsen von The Limey, der ebenfalls gerade im Kino läuft - mit einer betont verhaltenen Regie und einem bisweilen fast dokumentarischen Gestus den Klischees entgegenzusteuern. Als gerissener Stilist kämpft er gegen Emphase. Und kaschiert dabei gerne. Ab Freitag im Kino
Trailer

(Dominik Kamalzadeh)

  • Artikelbild
    foto: universalpictures.com
  • Artikelbild
Share if you care.