Der Major und der Taugenichts

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    foto: ap /ifc films/ susanne bier

Susanne Biers Post-Dogma-Melodram "Brothers", baut die charakterlichen Eigenschaften zweier ungleicher Brüder nur auf, um sie wieder zu zerstreuen

Wien - Soldaten, kurz vor dem Aufbruch nach Afghanistan. Michael (Ulrich Thomsen), der Major der Truppe, tritt an sie heran und versucht ihnen die Angst vor dem zu nehmen, was auf sie zukommt: "Euch wird nichts begegnen, worauf ihr nicht vorbereitet seid", sagt er. Er wirkt glaubwürdig dabei, der Mann ist sich seiner Rolle sicher. Als er kurz danach seinen straffällig gewordenen Bruder Jannik (Nikolaj Lie Kaas) vom Gefängnis abholt, gibt er auch ihm gleich Ratschläge mit auf den Weg. Der freilich lässt sich ungern belehren. Während alle zu Michael aufsehen, ist Jannik als Taugenichts verschrien.

Brothers, der neue Film der dänischen Regisseurin Susanne Bier, baut die charakterlichen Eigenschaften zweier ungleicher Brüder nur auf, um sie wieder zu zerstreuen: Was ein Rollenbild - auch in der Wahrnehmung - bestimmt, steht hier auf der Probe. Eine äußere Kraft, in der Topografie des Melodrams entsprechend schicksalsschwer konnotiert, ist es, die darin eine Verschiebung vornimmt: Michael und Jannik werden ihre Rolle tauschen. Das öffnet den Raum für Affekte.

Bier hat bereits in Open Hearts, ihrem Dogma-Beitrag, vom Hereinbrechen einer Katastrophe in eine Liebe erzählt. In Brothers geschieht Ähnliches, als Michael in Afghanistan mit dem Helikopter abstürzt und offiziell für tot erklärt wird. Die Abwesenheit des Bruders gerät für Jannik zur Gelegenheit, sich des Familiären zu besinnen. Er nähert sich, zunächst in Trauer, Michaels Frau Sarah (Connie Nielsen) und deren beiden Töchtern an und übernimmt allmählich Verantwortung.

Mit sinnfälligen Details deutet Bier an, dass zwischen den beiden durchaus mehr als wechselseitiger Trost möglich wäre - aber es bleibt bei einem Kuss. Denn Michael kehrt zurück, um einen hohen Preis hat er sich sein Überleben gesichert. Das Kriegstrauma wirkt weiter als Schuld, die dem zivilen Leben seine Unschuldigkeit raubt. Sie wird ihm zum hehren moralischen Maß, dem seine Angehörigen nicht mehr entsprechen können. Unter veränderten Vorzeichen stehen sich die Brüder dann wieder gegenüber.

Obgleich stilistisch vom strengen Dogma-Keuschheitsgelübde befreit, bewegt sich Brothers doch unverkennbar in dieser Tradition; auch hier wahrt die Handkamera (und natürliches Licht) die Intimität des Geschehens, und auch hier spielen sich die entscheidenden Konfrontationen im innerfamiliären Bereich ab. Im dramaturgischen Aufbau gerät Brothers dagegen ungleich konventioneller: Die von Bier so forcierte Parallelstruktur lässt alle äußeren Ereignisse, somit auch den Krieg, bedenklich funktionell erscheinen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.05.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

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