Der Mann im Schatten

20. Mai 2005, 21:03
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Mit der Berliner Formation "Les Hommes Sauvages" kommt die unbekannteste, aber vielleicht beste deutsche Popband auf Minitour nach Österreich

Ein Porträt von Kristof Hahn, Sänger der Band und Magnet für legendäre Figuren wie Alex Chilton oder Michael Gira.


Wien - Zum letzten Mal in Wien sah man den Mann im Vorprogramm von Nick Cave and the Bad Seeds. Ein logisches Engagement. Immerhin teilt er seinen Schlagzeuger, "Tomi", wie er ihn liebevoll nennt, Wydler mit dem australischen Star, den er wiederum aus dessen Berliner Tagen kennt. Die Band, für die Thomas Wydler neben den Bad Seeds die Felle streicht, heißt Les Hommes Sauvages, und deren Chef ist so etwas wie eine legendäre Schattengestalt: Kristof Hahn.

Bevor der Berliner in den 90er-Jahren als Gitarrist bei den ebenfalls höchst legendären New Yorker Lärm-Predigern Swans an der Seite von Michael Gira einstieg, betrieb er die gänzlich anders orientierten Koolkings. Zusammen mit Alex Chilton, der, man ahnt es bereits, ebenfalls eine lebende Legende ist: Box Tops, Big Star, The Cramps, Tav Falco . . .

Die Musik der Koolkings prägte eine existenzialistisch anmutende Endzeitstimmung. Endzeit wie: am Ende der Nacht, wenn das Morgenlicht auf eine von Schlafmangel und dem Einfluss von Hochprozentigem geschüttelte - oder gerührte - Existenz trifft und die Sehschlitze hinter den Sonnenbrillen angesichts des eigenen Elends geflutet werden. So gebaren Hahn und Chilton dunkle Balladen wie Sad And Lonesome, Cry Your Name oder eben So Many Tears. Meisterwerke, die unendlich würdevoll und schonungslos vorgetragen wurden.

Eine andere Spezialität der Koolkings war es, bekannte Songs wie Kraftwerks Autobahn oder Waiting For My Man von Velvet Underground in ein gleichermaßen geniales wie schlecht sitzendes Cowboy-Outfit zu verlegen. Eine exzentrische Neudeutung ohne sich über das Ausgangsmaterial lustig zu machen - und ohne blöd das Ironielasso zu schwingen. Ein Balanceakt. Hahn: "Als wir in Texas vor einem Saal, in dem lauter J. R. Ewings saßen, die Junkie-Ballade Waiting For My Man auf Country gespielt haben - also die haben das natürlich gar nicht verstanden." Blöderweise "kam Alex Chilton dann irgendwie abhanden", und das bedeutete das Ende der Koolkings, die mit dem Album Shocked & Amazed ihr musikalisches Erbe hinterließen.

Unberührt vom Lärm

Seine Karriere bei den Swans, die, als Hahn zu ihnen stieß, gerade den Schwenk von den Lärmberserkern hin zu sanfteren Klängen bewerkstelligten, beschreibt er pragmatisch: "Zu den Swans kam ich zufällig. Ich kannte die natürlich, blieb aber von ihrem Noise eher unberührt. Ich meine, die hatten ja nicht einmal richtige Songs."

Trotzdem nahm Hahn an: "Immerhin lockte eine Welttournee, ohne die ich wahrscheinlich nie nach Japan gekommen wäre." Wie hat er sich mit dem als egomanisch bekannten Michael Gira verstanden? Hahn: "Ich lernte sein Arbeitsethos zu schätzen. Bevor wir mit den Swans auf Tour gingen, probten wir jedes Mal wochenlang täglich acht Stunden. Das führte naturgemäß zu Reibereien. Manchmal brüllten wir uns an - aber man kann sich mit Gira auch wieder vertragen."

Mit Les Hommes Sauvages setzt der 46-Jährige, der sonst Romane und Drehbücher übersetzt, nun die Arbeit der Koolkings zart modifiziert, aber souverän fort. Um die Stimme von Viola Limpet erweitert, erschien Ende letzten Jahres das exzellente Debüt Playtime. Unterstützt von honorigen Gästen wie dem - einmal muss es noch sein - legendären Chris Spedding (Sex Pistols, John Cale, Roxy Music . . .), präsentiert die Band ihren "Rock'n'Roll noir", den das Duo Hahn/Limpet auf Englisch, manchmal Französisch oder Deutsch vorträgt.

Ausgerichtet zwischen weltgewandtem Rockabilly mit charmantem Berliner Idiom, betörenden Mitternachtsballaden sowie nonchalant gespielten Evergreens von morgen ist ein Werk entstanden, das es sich zwischen den Stühlen bequem gemacht hat. Dort entfaltet es seine originäre Magie - und ist vielleicht Deutschlands bestgehütetes Pop-Geheimnis. Das sollte sich dringend ändern. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.05.2005)

Von Karl Fluch

"Les Hommes Sauvages"

Les Hommes Sauvages live:

  • Do, 19. 5.
    Chelsea
    1080 Wien, Lerchenfelder Gürtelbögen 29-32

  • Fr, 20. 5.
    4873 Frankenburg
    Kulturinitiative Kulimu


  • Beginn jeweils 21 Uhr
    • Artikelbild
      foto: stephan schmidt/les hommes sauvages
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