Musikalische Federballspiele

16. Mai 2005, 19:23
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Salzburger Pfingstfestspiele mit Barockklang

Salzburg - Gestatten wir uns ein wenig Erinnerung! Die Pfingstkonzerte wurden von Herbert von Karajan - nicht ohne Murren der Salzburger Betriebsbüros - als noble Übergangsfestspiele zwischen den kirchlichen Oster- und den weltlichen Sommerfeierwochen eingefügt.

Erst im Nachhinein, als Karajan das Zeitliche gesegnet hatte, verfiel man auf die an sich schöne, aber auch nicht allzu konkurrenzfähige Idee, Pfingsten als (weit gefasstes) barockes Unternehmen zu bieten - in Nachbarschaft zu vielen altertümlich orientierten Institutionen in österreichischen und benachbarten Landen. Die Sache lief nicht übel, man hatte Zuspruch - und der Markenname "barock" schien keine ästhetische Aldi- oder Hofer-Verkäuflichkeit zu sein.

Schön erzählt

In den letzten Jahren ist freilich ein wenig die programmatische Puste ausgegangen. Natürlich ist es von Nutzen und auch von einiger Befeuerungskraft, unter der Leitung von Dirigent Marc Minkowski - diesem zur Körperlichkeit beförderten Musikfederball - die gute, alte Händel'sche Acis und Galathea-Geschichte auf noble, nämlich "Grenoble" Art nacherzählt zu bekommen.

Les Musiciens du Louvre - Grenoble erweisen sich einmal mehr - und dies im atmenden Zusammenwirken mit wachsam phrasierenden Sängern (Bernard Richter als Acis, Gillian Webster als Galathea) als Garanten für ein wie vorprogrammiert kurzweiliges Erleben. Dabei macht es durchaus auch Vergnügen, unverbrauchte - gleichwohl in Fachkreisen schon legitimierte - Konzertdarsteller kennen zu lernen, wie zwei Abende später den Altisten Michael Chance in der Partie des Solomon.

Bach, empfunden

In diesem Werkzusammenhang muss der deutsche Balthasar-Neumann-Chor genannt werden, dessen schlanke Besetzung im Ganzen und stimmgebildete Elastizität im vokalen Einzelnen ein hohes Maß an gestalterischer Information garantiert. Hier merkt man einmal mehr, dass sich in den letzten Jahrzehnten aufführungspraktischer Erregtheit auch im Chorgesang etwas getan hat.

Lässt man diese Pfingsten 2005 Revue passieren, dann ist auch nichts gegen eine Matinee mit dem russischen Pianisten Evgeni Koroliov einzuwenden, der sich den Zusammenhängen, Gegensätzen, also all den Geist- und Emotionsspielen der Goldberg-Variationen als ein Bach-Empfinder des pointierten Kontrastes annahm - mit anderen Worten: bald zögernd, verheimlichend, dann aber bald fescher, furioser, fast schon gefährlicher Fingergewandtheit verbündet.

Das Mozarteum Orchester versucht sich, bewährt sich - so es nicht bläst - auf darmbesaiteten Instrumenten. Ivor Bolton, der neue Chefdirigent, lenkte Händels Solomon in gestalterisch profunde Bahnen. Es ist sehr erhellend, dies Werk in verantwortungsvoller Deutung zu erleben.

Wieder Mozart

Sollten, könnten das die Pfingstfestspiele im Jahr 2006 nun aber ohne barockes Versprechen leisten? "Wege zu Mozart" will man vom 2. bis zum 6. Juni beschreiten und zum Klingen bringen. Ein neues, von Claudio Abbado in Italien gegründetes "Orchestra Mozart" (das wievielte, wagt man zu fragen) wird zweimal in Erscheinung treten, Händels Alexanderfest in der Instrumentierung von Mozart (in Salzburg fast schon ein Ladenhüter!) und auch ein Soloabend des türkischen Pianisten Fazil Say sind angesagt und ausgedruckt.

Vor gut zehn Jahren hat man sich bewundernd die Finger wundgeschrieben über Say. Nun hat der Pianist nicht nur sommers, sondern auch pfingstens seinen Platz in Salzburg. "Wege zu Mozart 2006" - die Frage stellt sich, welche Wege diese Zwischenfestspiele 2007 gehen werden . . . (DER STANDARD, Printausgabe, 17.05.2005)

Von Peter Cossé

www.salzburgfestival.at
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