"Das Mögliche ist viel schwieriger als das Unmögliche"

8. Jänner 2007, 18:41
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Der Schriftsteller André Brink im Interview über elitäre Politik, Korruption und Erwartungen im neuen Südafrika

Trotz scharfer Kritik an Korruption und einer elitär gewordenen Regierungspolitik der letzten Jahre zieht der prominente südafrikanische Schriftsteller André P. Brink im INDABA- Interview eine positive Bilanz des neuen Südafrika. Rassistische Mentalitäten der Vergangenheit seien überwunden, gewaltige Aufbauvorhaben zumindest eingeleitet worden. derStandard.at/Politik bringt Auszüge aus dem Interview.

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Indaba: Als das Apartheid-Regime in Südafrika sein Ende fand, hatten Sie sicherlich Hoffnungen und Erwartungen für die künftige Entwicklung. Gingen die von Ihnen gehegten Wünsche in Erfüllung?

Die kurze Antwort wäre: nein, bloß, die kurze Antwort ist nicht die richtige, die vollständige Antwort. Besonders in dem Augenblick, als es zu den ersten Wahlen im Jahr 1994 kam, herrschte im gesamten Land eine Euphorie, die den Eindruck entstehen ließ, die schwerwiegenden Probleme seien gelöst. In den vier Jahren zwischen der Freilassung von Nelson Mandela aus dem Gefängnis und den demokratischen Wahlen im April 1994 hatte es eine schwierige Übergangsperiode mit überaus harten Verhandlungsrunden gegeben, dazu trat eine große Furcht vor einem unglaublichen Blutbad und Gewalttaten, die bis zum Morgen der Wahlen dauerte.

Schließlich kam es zu der unglaublichen Erfahrung, daß jeder zum ersten Mal in seinem Leben wirklich wahlberechtigt war. Alle standen in derselben Reihe an, unabhängig davon, ob man den Beruf eines Universitätsprofessors, einer einfachen Wäscherin, eines armseligen Straßenkehrers, eines Rechtsanwalts oder eines Arztes innehatte. Plötzlich hatte uns das Gefühl gepackt: Wir alle sind Südafrikaner. Damals habe ich folgende Worte für das gefunden, was wir gemacht haben: Wir haben das Unmögliche erreicht, doch nun gilt es, sich mit dem Möglichen auseinander zu setzen.

Und nun zeigt sich, das Mögliche ist viel schwieriger als das Unmögliche. Das Erreichen von politischer Freiheit, das Erwerben des Bewusstseins, dass wir alle Südafrikaner sind ist das eine, doch die Demokratie wenigstens durch die Befriedigung von einfachen Grundbedürfnissen auch funktionieren zu lassen, ist das andere, indem beispielsweise Wohnraum für die zu schaffen ist, die noch keinen haben, Elektrizität jenen zu geben ist, die keinen Zugang zu ihr haben, alle ausreichend mit Trinkwasser zu versorgen und wahrscheinlich noch wichtiger Arbeitsplätze zu schaffen sind. Schließlich war das gesamte Erziehungswesen umzustellen, das alle im Land einschließen und nicht wie früher nur einer Gruppe eine mehr oder weniger ausreichende Bildung ermöglichen sollte, den Weißen nämlich.

Nur wenige schwarze Kinder gingen damals zur Schule und das meist auch nur einige wenige Jahre, und das Niveau war auch entsprechend elend. Es wurden Hoffnungen in die Regierung gesetzt, dass diese energisch große Reformvorhaben angehen würde, die von gewaltigen Geldsummen aus dem Ausland nachhaltig unterstützt würden. Erziehungsprogramme sowohl für Kinder als auch für Erwachsene waren als Initialzündung einer wirtschaftlichen Entwicklung gedacht, die ihrerseits Arbeitsplätze schaffen sollte.

Die meisten dieser Hoffnungen sind bis heute nicht verwirklicht worden. Das bedeutet aber nicht, dass ich den Machtwechsel als Fehler betrachte. Wir sind bloß etwas realistischer geworden. Wir erlebten einen derartig schönen Augenblick, dass wir zu viel in zu kurzer Zeit erwarteten.

Indaba: Wurden diese hochgeschraubten Erwartungen nicht auch durch die Versprechen der Politiker in noch Schwindel erregendere Höhen getrieben?

Brink: Ich würde annehmen, dass es sich um einen durchaus verständlichen Mangel an Realitätssinn handelte. Die Hoffnungen waren derartig hochgespannt, dass die Menschen meinen mussten: Es könnte geschehen, wenn der Wille dazu aus der gesamten Nation käme, wenn die Menschen aller Hautfarben an einem Strang zögen, und wenn die gigantischen Summen ausländischer Investoren ins Land strömten.

Ich glaube nicht, dass die politisch Verantwortlichen wirklich klar erkannten, welch gewaltige Finanzströme bewegt hätten werden müssen, damit die Träume verwirklichbar geworden wären.

Dazu kam unglückseligerweise, dass eine Reihe von Geldgebern, die während der Zeit der Apartheid sich engagiert hatten, plötzlich sagten: Nun habt ihr eure Freiheit, eure Demokratie, nun habt ihr keine Probleme mehr und wir können woanders investieren.

Das war eine riesige Enttäuschung und machte manches noch schwieriger! Was wir leider nicht berücksichtigt hatten war folgendes: Macht hat stets eine korrumpierende Kraft in sich.

Wenn man sich um ein objektives Bild von unserem Land bemüht, dann kommt man zu dem Befund: Vieles ist furchtbar schief gelaufen, besonders während der letzten drei, vier Jahre. Doch bei realistischer Betrachtung muss man sagen: Zehn Jahre sind ein Klacks in der Geschichte eines Landes, wir haben ganz einfach zu viel in zu kurzer Zeit erwartet. Wenn wir uns den Blick aus der Distanz gestatten und uns die Frage stellen: Wo sind wir heute und wo waren wir vor zehn Jahren?, dann ist es erstaunlich, was wir alles erreicht haben.

Sprache als Herrschaftsinstrument: Weiter klicken zur "Verwendung des Afrikaans"

Indaba: Würden Sie durch diese Geschichte behaupten wollen, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen tatsächlich durchlässiger, die trennenden Barrieren weniger hoch werden?

Brink: Ja. Trotzdem warne ich davor, diese Behauptung zu kategorisch zu nehmen. Wir mussten feststellen, dass in manchen Kreisen der alte rassistisch motivierte Faschismus nach wie vor fröhliche Urstände feiert. Das ist ganz besonders unter manchen Gruppen am Land lebender Afrikaaner feststellbar. Doch im Großen und Ganzen ist ein Wille auszumachen, der über die ethnischen, rassischen, religiösen und gesellschaftlichen Schranken weit hinausgeht und verbindet: Wir wollen, dass Südafrika funktioniert, weil wir alle Südafrikaner sind.

Indaba: Die kleiner werdenden Grenzen zwischen den einzelnen Gruppierungen müssen doch zwangsläufig etwas zu tun haben mit der Mentalität der Bevölkerung.

Brink: Nicht nur, dass die Mentalität einem Wandel unterworfen ist, sondern auch die Tatsache, dass wir in Südafrika während all der Jahre unglaublich von Glück gesegnet waren, macht die iVeränderung möglich. De schwarze Bevölkerung in Südafrika zeichnet sich durch eine schier unerschöpfliche Großzügigkeit aus. Woher diese kommt, vermag ich nicht zu sagen. Mit Begeisterung ergreifen diese Menschen jede ihnen entgegengestreckte hilfreiche Hand. Vielleicht müsste man einschränkend sagen, natürlich herrscht ein gewisses generelles Misstrauen, das besonders unter den jungen Schwarzen verbreitet ist. Doch die Mehrheit ist letztlich zur Zusammenarbeit bereit.

Meine Beschreibung des Zustandes fußt auf eigenen Beobachtungen, die schon durch die Natur des Universitätsbetriebs einerseits privilegiert sind, andrerseits nur fragmentarisch sein können. Außerdem war der Kontakt über die Rassenschranken hinweg auch vor dem Ende des alten Regimes leichter als anderswo. Aber ich weiß, dass auf der Ebene der durchschnittlichen schwarzen Arbeiter immer noch zahlreiche Menschen verzweifelt nach Arbeit suchen. Ihre Situation hat sich nicht wesentlich verbessert, abgesehen davon, dass sie wählen gehen dürfen. Bisher haben sie zweimal gewählt, doch was hat es ihnen gebracht? Sie haben keine Arbeit, denn es gibt weniger Jobs als früher, die Aussichten zur Verbesserung ihrer gesellschaftlichen oder finanziellen Lage sind eher trist. Das führt zu Enttäuschung und Wut und berührt direkt die Frage der Landverteilung.

Den Menschen wurde von der Regierung versprochen, dass es zu einer großen Umverteilung des Bodenbesitzes kommen werde, aber das desaströse Beispiel, das Zimbabwe geboten hat, ist wenig ermutigend. Aber der Druck der schwarzen Bevölkerung auf die Regierung wird stärker, die Forderung lauter: Verteilt doch wenigstens das Land, das für die Verteilung zur Verfügung steht. Doch die Regierung verhält sich angesichts der gewaltigen Probleme, die es zu lösen gilt, eher zögerlich.

Indaba: Afrikaans ist Ihre erste persönliche Literatursprache, immer wieder versuchen Sie zu zeigen, dass sie mehr ist als bloß die Sprache der Unterdrückung, als die sie außerhalb von Südafrika immer wieder wahrgenommen wurde.

Brink: Wir müssen uns stets vergegenwärtigen, wie Afrikaans entstand. Die Sprache bildete sich in den Mündern der Sklaven des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts. Die Sklaven, die aus Indonesien und Malaysia und aus anderen Regionen Afrikas wie Angola, Mozambique und Madagaskar importiert wurden, sprachen nicht Niederländisch, die Sprache der Weißen. Sie haben begonnen, die Sprache zu kreolisieren und eine ganz andere Art des Niederländischen zu sprechen. Und die weißen Herren, die von den Sklaven verstanden werden wollten, begannen bewusst oder unbewusst die Sprache der Sklaven zu sprechen, die langsam zu Afrikaans wurde.

Nach einiger Zeit fanden sie Gründe, Afrikaans zu bevorzugen, nicht zuletzt weil sie sich von den Herren, den Kolonisatoren unterscheiden wollten. Langsam wurde Afrikaans unter den Sklaven und den Herren zu einer weit verbreiteten Sprache, die das System der Unterdrückung mit sich gebracht hatte. Dazu trat dann noch das Englische, das Ende des 18. Jahrhunderts in der Kapprovinz und in Natal wichtig wurde. Ende des 19. Jahrhunderts begann eine kleine Gruppe von afrikaanssprachigen Weißen den politischen Kurs der Afrikaaners zu bestimmen. Sie wollten dem britischen Einfluss widerstehen und sich gegen die Macht der eingesessenen Niederländischsprechenden wehren. Als erstes wollten sie die Bibel ins Afrikaans übersetzen, denn Religion spielte eine enorme Rolle als Identifikationskern. Der englisch-burische Krieg unterstützte noch diese Bestrebungen. Obwohl vom British Empire besiegt, wurde der burische Nationalismus durch die Niederlage gestärkt. Afrikaans wurde zum gesprochenen Ausdruck dieses Nationalismus. Langsam verstanden sie es, ihre Opposition zu organisieren, um Machtpositionen zu erringen und merkwürdig genug, zu Beginn dieses Ringens gingen sie Allianzen mit der kommunistischen Partei ein. In diesen Tagen war die Mehrheit der Afrikaaner einfache Arbeiter.

In den 30er Jahren studierten viele Afrikaaner in Deutschland und anderen Ländern, dort wurden sie von den Nationalsozialisten beeinflusst. Als sie nach Südafrika zurückkehrten, drückten sie die Mentalität der Herrenrasse gegenüber den anderen Bewohnern deutlich aus. Aus der Sprache des Widerstandes wurde eine Sprache der Unterdrücker, trotzdem blieb die große Mehrheit der Coloured bei ihrer Sprache, dem Afrikaans. Für sie blieb Sprache, was sie immer schon war und was sie während der letzten 300 Jahre an Diskriminierung hatten erdulden müssen. In dem Maße wie die Apartheid stärker wurde, wollten die Coloured die Sprache für ihre eigenen Ziele verwenden und drückten in ihr ihren Widerstand aus.

Als afrikaanssprachige Autoren in dieser Sprache zu schreiben begannen, weil sie wussten, sie waren in und von diesem Land geformt worden, und sie außerdem nichts mit der Apartheid zu tun haben wollten, wurde ihr Afrikaans erneut zur Sprache des Widerstands. Sowohl von den Eliten als auch von den einfachen coloured Arbeitern wurde Afrikaans als Sprache der Opposition verstanden, vom politischen Establishment als Instrument der Unterdrückung. Dies führte zu einem durchaus ambivalenten Verständnis von Afrikaans als Sprache.

Indaba: Sind durch die Verwendung des Afrikaans als Herrschaftsinstrument nicht manche Worte so belastet, dass sie nicht mehr ohne negative Konnotation verwendet werden können?

Brink: Sicherlich gibt es ein umfangreiches Vokabular zu beschreiben, doch manchmal ist es schwierig, umgehend auf solch eine wichtige Frage eine befriedigende Antwort zu geben. Sicherlich trifft dies auf eine Reihe von Ausdrücken zu, die bestimmte Gruppen betrifft. Die herrschende Klasse der Afrikaaner verwendete Worte, die Schwarze definieren sollte, wie Kaffer, Bantu und eine Reihe weiterer abwertender Begriffe.

Dies galt auch für die Beschreibung der Coloured. Doch der Widerstand gegen abwertende Begriffe wuchs. In diesem Zusammenhang ist das spezielle Idiom der Coloured in der Kapprovinz zu nennen, das verstärkt Worte aus dem Englischen aufgenommen hat. Vielleicht hat dies aber auch etwas mit einer weltweiten Amerikanisierung zu tun, die sich auch im musikalischen Bereich äußert. Doch die Zuwendung zu etwas und die Abwendung von etwas kann ja auch als Widerstand gegen alte Strukturen verstanden werden.

Indaba: Sind die Ergebnisse der Wahrheitskommissionen wirklich befriedigend? Die Zusicherung der Straflosigkeit bei Ablegung eines Geständnisses mag doch für Opfer fast zynisch erscheinen? Einige Worte und man bleibt ungeschoren.

Brink: Sicherlich ist die gewollte Verbindung von Wahrheit und Versöhnung ein gewaltiger Schritt nach vorn. Doch es gibt Stimmen, die behaupten, etwas fehlt, nämlich Gerechtigkeit, die wurde beiseite geschoben. Erzbischof Tutu, und sicherlich würde dem auch Nelson Mandela zustimmen, ist der Meinung, dass das Ausklammern von Gerechtigkeit der Preis war, um überhaupt eine friedliche Veränderung herbeiführen zu können. Denn hätten wir alle unsere Nazis vor Gericht gestellt und hätten wir ihnen lebenslänglich gegeben, wäre zwar ein tief sitzendes Gefühl für Gerechtigkeit befriedigt worden, doch der enorme Zeitaufwand, um Beweise zu sammeln, hätte uns lange daran gehindert, tatsächlich zur Wahrheit vorzustoßen. Wir haben den Zugang zu Fakten geschafft. Und mehr als das.

Zum ersten Mal in der Geschichte, nicht der einzelnen Leben, sondern des Landes, haben wir den Unterdrückten und den Opfern die Möglichkeit gegeben, über sich selbst zu sprechen, ihre Erfahrungen und Erlebnisse auszudrücken. Dies ist für mich als Schriftsteller eine bedeutende Tatsache. Schriftsteller und andere Künstler haben nun die Möglichkeit auf diese Quellen zurückzugreifen, auch in die Lehrpläne können diese Quellen eingearbeitet werden. Und doch gilt es, das bisher Erreichte nur als Beginn eines noch größeren Prozesses zu begreifen.

Noch immer gibt es das Gefühl, was die Gerechtigkeit betrifft, da sollte noch mehr getan werden. Die Regierung selbst ist in diese Falle gegangen, als sie verkündet hat, wenn sich Verbrecher rückhaltlos zu ihren Untaten bekennen, werden sie amnestiert. Aber es gibt Militärs und Polizisten in führenden Positionen, die sich bis jetzt weigern, sich dieser Prozedur zu unterwerfen. Und die Gauleiter und Peiniger, die sich der Kommission gestellt und psychisch enorm gelitten haben, wollen nicht verstehen, dass diejenigen, die sich nicht stellen, ungeschoren davon kommen. Wie mit diesen Verweigerern umzugehen ist, ist noch nicht wirklich entschieden, doch die ersten gewaltigen Schritte haben wir gesetzt. Nie dürfen wir vergessen, wir hatten erst zehn Jahre Zeit, um einen Prozess zu beginnen, der noch Generationen in Anspruch nehmen wird. Man sollte in diesem Zusammenhang nicht zu hart urteilen.

Indigene Literaturen: Weiter klicken zur "Sprache und Literatur in Südafrika" Indaba: Was bedeuteten die letzten zehn Jahre für die Literaturen in Südafrika und insbesondere für die Literaturen, die nicht in Afrikaans oder Englisch geschrieben werden?

Brink: Die schnellsten Reaktionen auf die Veränderungen erfolgten von den Dichtern, die während der Zeit der Apartheid so spannende Theaterszene ist ein wenig ins Hintertreffen geraten. Theater und Poesie vermochten am ehesten Menschen in ihren Bann zu schlagen. Es gab Lyriklesungen in gefüllten Fußballstadien, weil das Thema Antiapartheid war. Heute braucht es solche Veranstaltungen nicht mehr. Die Einstellung hat sich durchgesetzt: Wir haben gewonnen und die simple Tatsache, dass man keinen Job oder kein Dach über den Kopf hat, treibt niemanden zu einer Lesung im Stadion oder verführt zu einem Theaterbesuch.

Wie auf der ganzen Welt sind Theaterbesuche auch in Südafrika eher eine bourgeoise Attitüde geworden. Für die Literatur gilt: So lange sie unterdrückt wurde, herrschte großes Interesse. Jetzt gibt es praktisch keine Zensur mehr, an ihre Stelle ist das Desinteresse getreten. Das hat schon auch sein Gutes: Autoren werden nicht mehr daran gemessen, wofür oder wogegen sie sind. Früher galt: Wer gegen die Apartheid war, war ein guter Schriftsteller, oder wie Nadine Gordimer formulierte: Zivilcourage war ein literarischer Befähigungsnachweis. So gesehen findet in Südafrika eine richtige und vor allem gesunde Entwicklung statt. Das eigentliche Problem unseres Landes ist der weit verbreitete Analphabetismus und dies trifft vor allem jene Autoren, die in indigenen Sprachen wie Venda, Xhosa und Zulu schreiben könnten. Es macht daher wenig Sinn, in diesen Sprachen zu schreiben.

Indigene Autoren bevorzugen daher Englisch zu schreiben, und wenn es sich um coloured Autoren handelt, Afrikaans. Vor allem können sie dann auch sicher sein, dass ihre Arbeiten veröffentlicht werden. Damit kommen wir zu einem weiteren Problem: Alle wichtigen Verlagshäuser werden von weißen Bossen kontrolliert.

Indaba: Gibt es Verlage, die sich speziell um die indigenen Literaturen kümmern?

Brink: Eigentlich nicht. Unsere Verlagshäuser, bei weitem nicht mit solchen Giganten wie Bertelsmann vergleichbar, veröffentlichen das eine oder andere Buch, das in einer indigenen Sprache geschrieben wurde. Sie vergeben auch Preise an Autoren von indigenen Sprachen, doch unter den Veröffentlichungen finden sich vielleicht zwei bis drei Titel, die in Zulu oder Xhosa geschrieben worden sind.

Indaba: Ist das Verlegen von Büchern nicht allzu sehr eine europäische Gewohnheit und müsste man sich nicht Alternativen überlegen, die den afrikanischen Traditionen viel eher entsprechen?

Brink: Die oralen Traditionen afrikanischer Kulturen müssten viel deutlicher berücksichtigt werden, aber was wir wirklich brauchen, sind große, tief gehende Programme, um Erwachsene an die Bildung heranzuführen, die ihre Wurzeln in den Oraltraditionen hat. Nur so lässt sich langsam eine stetig wachsende Gemeinde von Lesern heranziehen. Doch für solch ein Programm sind gewaltige Geldsummen nötig. Bloß, wenn man Leute findet, die bereit sind, Geld auszugeben, dann meinen sie, es sei viel wichtiger Häuser zu bauen, medizinische Einrichtungen zu schaffen, Programme zu entwickeln, mit Hilfe derer die Ausbreitung von Aids gestoppt werden kann.

Tatsache ist natürlich, wenn Leute an Aids sterben, und das ist eines der Hauptprobleme unseres Landes, auch wenn das unser Präsident so gar nicht gerne hört, scheint es fast ein Luxus zu sein, wenn man überlegt, wie Bücher verlegt und Literatur gefördert werden kann.

Indaba: Der Entscheidung, Programme zu fördern, die die Ausbreitung von Aids verhindern, und dafür die Literatur nicht zu unterstützen, hat ihrerseits schon etwas Krankhaftes …

Brink: Da bin ich ganz bei Ihnen. Es ist ein Fehler anzunehmen, dass es sich um ein Entweder-oder handelt. Entweder man bekämpft Aids oder man hilft Menschen, lesen zu können. Es sollte überhaupt nicht notwendig sein, sich entscheiden zu müssen. Beides muss gleichzeitig möglich sein, selbst dann, wenn man sich im Augenblick mehr darum kümmern muss, dass die Ausbreitung von Aids gestoppt wird. Es ist völlig ausgeschlossen, dass man die Notwendigkeit lesen zu können, immer von einer anderen Priorität überlagern lässt.

Mich erinnert das ein wenig an die Argumentation von ANC-Mitgliedern früherer Tage. Erst müssen wir den Rassismus abschaffen, dann können wir die Frage der Diskriminierung von Frauen angehen. Die Frauen, die im ANC tätig waren, sagten immer wieder: Uns gibt es, wir leiden unter den Problemen, ignoriert sie nicht. Und die Regierung ist bis heute nicht so bemüht, dieser Forderung in dem Maße Rechnung zu tragen, wie sie sollte. Es ist notwendig, dass man die medizinischen und die kulturellen Notwendigkeiten gleichzeitig erkennt und das eine nicht gegen das andere ausspielt.

Wenn man Investoren in Europa und den USA dazu bewegen könnte, Geld zu geben, wobei ich meine Hoffnungen auf Amerika weitgehend aufgeben habe, wenn ich die niedrigen moralischen Maßstäbe der gegenwärtigen Regierung berücksichtige, mit dem nicht nur Gesundheitsprobleme zu lösen sind, sondern auch um kulturelle Schwierigkeiten zu beheben, die Benachteilung von Frauen zu bekämpfen, dann wären die Schritte zur Entwicklung rascher, die aus Südafrika ein Land machen, für das sich auch hochfliegende Investitionspläne lohnen.

  • André P. Brink, geboren 1935 in Vrede, Südafrika, debütierte 1953 als Schriftsteller. Seit 1991 ist er auch als Literaturprofessor an der Universität von Kapstadt tätig.
    foto: sadocc

    André P. Brink, geboren 1935 in Vrede, Südafrika, debütierte 1953 als Schriftsteller. Seit 1991 ist er auch als Literaturprofessor an der Universität von Kapstadt tätig.

  • Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.
    foto: sadocc

    Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.

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    Jugendliche Mitglieder des ANC.

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