Festveranstaltung der besonderen Art

11. Dezember 2005, 18:07
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Thomas Bernhard sorgte auch bei der Salzburger Festveranstaltung "50 Jahre Staatsvertrag" für kontroverse Meinungen.

Trotz wunderschönen Frühlingswetters strömten am Samstag vormittag viele, in erster Linie betagte, SalzburgInnen in den lichtleeren Raum des "republic". Die gemeinsame Festveranstaltung von Stadt und Land Salzburg wurde vom Direktor des Museums Carolino Augusteum, Erich Marx, eröffnet und durch die Band SATO mit Ohrwürmern aus der Besatzungszeit rhythmisch untermalt.

Thomas Bernhard sorgt für leere Plätze

Aus dem Buch "Die Ursache - Eine Andeutung" von Thomas Bernhard rezitierte Peter Pikl einen Text über die Bombenangriffe in Salzburg im Oktober 1944. Thomas Bernhard schildert diese Zeit aus der Sicht des katholischen Internatschülers in der Schrannengasse. Der erste Teil der Lesung wurde noch sehr wohlwollend von den vielen Zeitzeugen im Publikum angenommen. Im zweiten Teil der Lesung, wo Thomas Bernhard den Nationalsozialismus mit dem Katholizismus gleichsetzt, wird es schon etwas unruhiger im erzkatholischen Kreis des Auditoriums. Landeshauptmannstellvertreter Wilfried Haslauer (VP)wirft zuerst das Handtuch und verlässt bei der Stelle, "die Katholiken bedienen sich eines menschenfeindlichen Züchtigungsmechanismus genau wie die Nationalsozialisten" wutschnaubend den Festsaal. Es folgten ihm mehrere in edel-trachtigen Gewändern gehüllte "Stadt-SalzburgerInnen" und empörten sich in der frischen Frühlingsluft vor dem "republic". Wild gebärdend standen sie im kleinen Kreis und konnten nicht fassen, dass man genau diese Stellen für diesen besonderen Tag ausgegraben hatte. "Das einzig Schöne war die Musik" erzählte mir eine der Erbosten.

"Als der Westen golden wurde"

Unbeirrt, doch mit einigen Zuhörenden weniger, ging die Veranstaltung mit der Präsentation des Bildbandes "Als der Westen golden wurde" weiter. Frau Ulrike Engelsberger vom Salzburger Landesarchiv hat zusammen mit ihrem Mann, nicht veröffentlichtes Bildmaterial von den National Archives in Washington nach Österreich gebracht. Es handelt sich um Bildmaterial aus dem Bestand der US-Militärregierung, in dem das Alltagsleben der Besatzer in Salzburg dokumentiert wurde. Dem werden Aufnahmen von dem amerikanischen Besatzungssoldaten Dominick de Giudice gegenübergestellt. De Giudice zeigt Fotografien über die Menschen in und um Salzburg, aus dem Blickwinkel eines Amerikaners, der dieses Land und seine Bewohner kennen und lieben gelernt hat. Frau Eva Maria Feldinger vom Salzbuger Museum Carolino Augusteum schilderte kurzweilig und ergreifend die Sicht des Amerikaners und verwies auf die anschliessende Eröffnung der gleichnamigen Ausstellung.

Gedanken zum Gedenkjahr

Landeshauptfrau Gabi Burgstaller und der Salzburger Bürgermeister Heinz Schaden (beide SPÖ) diskutierten mit Reinhold Wagnleitner von der Universität Salzburg über ihre Erinnerungen aus der Nachkriegszeit und über die politische Orientierung ihrer Eltern und Großeltern. Der Landeshauptfrau ist noch sehr stark in Erinnerung, dass man über die Amerikaner großteils Gutes erzählte und ihre Familie die Zeit ab 1945 als Befreiung vom Nationalssozialimus und dem Kriegsterror empfand. Bürgermeister Heinz Schaden sprach über seinen nationalsozialistischen Vater und seine deutsche Mutter, die sich während des Krieges in Rußland kennenlernten. Sein Vater konnte bis zu seinem frühen Tode die Niederlage und den erlebten Terror nicht verkraften. Seine betagte Mutter sieht die Vergangenheit inzwischen etwas distanzierter, hat die Front gewechselt und wählt grün oder rot, schilderte der Bürgermeister. Einig war man sich, dass die Unterzeichnung des Staatsvertrages die Grundlage für ein prosperierendes Österreich darstellt. Die damit junktimierte "immerwährende Neutralität" ist für die eigenliche Nationswerdung und somit nicht nur für das bisher aufgebaute, sondern ebenso zukünftige Selbstverständnis Österreichs nicht wegzudenken. Die anschliessende Eröffnung der Ausstellung "Als der Westen golden wurde - Salzburg 1945-1955 in US-amerikanischen Fotografien" im Salzburger Museum Carolino Augusteum wurde von beinahe allen Festgästen besucht und mit viel Interesse aufgenommen. Der insgesamt eitel wonnewollenden Veranstaltung in der schönen Stadt Salzburg, haben die Sticheleien aus der Feder von Thomas Bernhard bestenfalls etwas vom Balsam genommen. Der längst über den Wipfeln Ruhende dürfte angesichts der Nasenrümpfer seine Freude gehabt haben.(mahu)

  • Gedankenaustausch zwischen Gabi Burgstaller, Heinz Schaden und Reinhold Wagnleiter
    bimi

    Gedankenaustausch zwischen Gabi Burgstaller, Heinz Schaden und Reinhold Wagnleiter

  • Das Salzburger Tanzorchester sorgte für den richtigen Sound
    bimi

    Das Salzburger Tanzorchester sorgte für den richtigen Sound

  • LH-Stv. Haslauer: Hier noch im Festsaal...
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    LH-Stv. Haslauer: Hier noch im Festsaal...

  • ... nach den Bernhard-Texten: Zurück blieb ein leerer Sessel
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    ... nach den Bernhard-Texten: Zurück blieb ein leerer Sessel

  • Begleitband der Ausstellung im Museum Carolino Augusteum
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    Begleitband der Ausstellung im Museum Carolino Augusteum

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