Michael Haneke: Das Problem ist der heutige Umgang mit der Vergangenheit

14. Mai 2005, 17:59
1 Posting

Regisseur will "Caché" nicht erklären: "Ich habe viel Arbeit gehabt, um in dem Film viele Möglichkeiten anzubieten"

Cannes - "Wer ist die Person, die diese bedrohlichen Videobilder aufnimmt?" - "Keine Ahnung. Das müssen sie selbst entscheiden. Im Film streitet es jeder ab." Nicht nur auf diese unter Journalisten in Cannes nach der ersten Vorführung von "Caché" meist diskutierte Frage wollte der österreichische Regisseur Michael Haneke bei der internationalen Pressekonferenz zu seinem Film keine Antwort geben. "Ich habe sehr viel Arbeit damit gehabt, um in dem Film viele Möglichkeiten anzubieten", begründete er seine Zurückhaltung, "es wäre kontraproduktiv, diese jetzt mit eigenen Kommentaren wieder einzuschränken."

Auch Maurice Benichou, der Darsteller des zumindest im Film "Hauptverdächtigen", erzählte: "Ich habe diese Frage natürlich Haneke ebenso gestellt. Er hat gesagt: Ich weiß es nicht." Er selbst glaube nicht, dass seine Figur jene Kassetten, mit denen die Familie des TV-Moderators Georges terrorisiert wird, gedreht habe, versicherte Benichou treuherzig und sorgte damit für Lacher.

Mit seinen Filmen Fragen aufzuwerfen sei für ihn viel interessanter als damit rasche Antworten zu geben, wiederholte Haneke das, was er seit vielen Jahren der Presse auf die immer gleichen Nachfragen antwortet. Es sei für ihn auch völlig unwichtig, ob der Urheber der Videos psychisch krank sei oder nicht: "Ich urteile über meine Figuren nicht. Aber offenbar hat er einen starken Leidensdruck, dass er so etwas macht."

Auf der Gegenseite ist für ihn das heutige Verhalten des Moderators wichtiger als das einstige: "Das Problem ist nicht, was er als Sechsjähriger gemacht hat, sondern wie er heute damit umgeht, wenn er damit konfrontiert wird. Das ist das Problem und das Thema."

Es handle sich um keinen Film über den Algerienkrieg und auch um kein spezifisch französisches Problem mit der Vergangenheit, unterstrich Haneke: "Das kann man überall finden, ob in Frankreich, in Jugoslawien oder in Österreich. Das Vergessen existiert überall." Er habe wie bei allen seinen Filmen nach einem offenen, ambivalenten Ende gesucht: "Man kann die Schlussszene als ein Zeichen der Hoffnung oder der Resignation sehen, das hängt ganz vom Betrachter ab."

Die Schauspieler versicherten unisono, die Dreharbeiten zu diesem schwierigen Film seien keineswegs schwierig gewesen. "Ich mache immer den Witz, mit mir einen Film zu machen sei viel einfacher, als einen Film von mir anzusehen", lachte Haneke. Juliette Binoche konnte sich dem nur anschließen: "Für mich sind Hanekes Filme notwendige Filme. Von Zeit zu Zeit sollte man sie sich ansehen. Aber sicher nicht immer." (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Haneke (Mitte) mit Juliette Binoche und Daniel Auteuil.

Share if you care.