Kabarett, eine Pest

13. Mai 2005, 20:16
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Wenn Kritik zum Konformismus mutiert: Österreich und seine "Humor-Kultur" - Ein Kommentar der anderen von Michael Scharang

Die Zahl der Kabarettisten nimmt seit einem Jahrzehnt epidemisch zu, was nicht heißt, dass berufsmäßige Witzbolde nicht schon immer eine Landplage waren: Alleinunterhalter, die den Witz allein mit ihrem Humor totschlagen und aus diesem Anlass wiehernde Leute um sich scharen, die das witzig finden. Heutzutage allerdings treten Kabarettistinnen und Kabarettisten derart massenhaft auf, dass sie in ihrem Mistbeet, dem Kabarett, keinen Platz mehr haben und hinauswuchern ins Theater, in den Film, vom Fernsehen gar nicht zu reden, in die Literatur, aber auch in die Politik, in den Journalismus selbstverständlich und ins Radio, wo Österreich 1 sich als ihre kongenitale Heimat erweist.

Früher gab es in jeder Schulklasse, in jedem Verein, in jeder Firma einen Kasperl: einen witzigen, mitunter frechen Kerl. Es war typisch, dass es ihn gab, aber er war nicht typisch für die jeweilige Gruppe, denn Frechheit, noch dazu in Gestalt des Witzes, durfte nur am Rand existieren. Dem Kabarett gelang es, den frechen Witz zur öden Pointe zu domestizieren, wodurch dem Kabarettisten das Monopol für alle heiteren Angelegenheiten zufiel. So wird er, indem er den Lachzwang als gesellschaftliches Verhalten durchsetzt, zum Idealtypus einer Epoche, der Epoche des Sachzwangs.

Sachzwang herrscht, wenn es den Besitzenden gelingt, die Nichtbesitzenden davon zu überzeugen, dass diese zu viel besitzen. Die öffentliche Selbstgeißelung, im Mittelalter ein beliebter Breitensport, kehrt wieder als massenhaft geübtes Ritual des Verzichts, während dessen, nachdem das letzte Hemd auf dem Altar des Kapitals geopfert worden ist, man sich auch noch lachend die Haut vom Leibe ziehen lässt, um den Gott, der Standort heißt, mit Galgenhumor günstig zu stimmen.

Solcher Aberwitz führt nicht zum Aufstand, sondern wird von den Tätern sadistisch und von den Opfern masochistisch als wirtschaftliche Notwendigkeit zelebriert. Das Lebenselixier der bürgerlichen Demokratie, der virulente Gegensatz der Klassen, deren unaufhörlicher Streit, mutiert zur Zwangsneurose, dem unaufhörlichen Leid: Die Reichen wissen nicht mehr, wohin mit dem Geld, die Armen nicht mehr, wohin mit dem Elend. Und der Mittelstand, tagsüber vor Existenzangst schlotternd, deliriert abends kichernd im Kabarett.

Der Kabarettist, das humorvolle Wesen, realisiert vor einem Publikum, das ihm wesensmäßig gleicht, ein Programm, in dem es nur um eines geht: um schenkelklopfende Übereinstimmung. Man bleibt im Kabarett prinzipiell unter sich, labert vor sich hin, wie einem der regionale Schnabel gewachsen ist, will den Jargon der Clique zu hören bekommen, der man zugehört, und macht sich über herrschende Rackets in einer Weise lustig, als wäre man deren Mitglied. Diese Volksgemeinschaft aus Spießern, die Kritik so handhabt, dass sie von Konformismus sich nicht mehr unterscheidet, wird wie jedes autoritäre Kollektiv von Zwang zusammengehalten: Keine Minute darf vergehen, ohne dass gelacht wird.

Der Humor, Antipode des Witzes, findet im Kabarett seine Erfüllung. Witz hingegen ist Glück, das sich, wie es dem Glück eigen ist, selten einstellt. Denn Witz ist die äußerste Konzentration von Sprache und Geist. In ihm überlebt ein Moment jenes philosophischen Übermuts, den Hegel Spekulation nannte. Im Kabarett finden Kultur - in ihrer letzten historischen Gestalt, dem Humor - und Volk als Kulturvolk noch einmal zusammen. Kulturredakteure nähern sich diesem Phänomen, was für eine Artistik, auf allen Vieren und applaudieren dabei. Die Kulturszene atmet erleichtert auf, weil das geistige Nichts, welches Kulturbetriebler und -vermittler repräsentieren, im Kabarett repräsentativ zum Ausdruck kommt. Was den Vorteil hat, dass die Kluft zwischen Kunst und einer in Kunstgewerbe sich auflösenden Kultur endlich unüberbrückbar wird.

Nirgendwo ist der Beruf des Kabarettisten so attraktiv wie in Österreich, weil hier, angestachelt vom Beispiel des Helmut Qualtinger, der begehrenswerte Aufstieg vom Kabarettisten zum Volksschauspieler dadurch gelingt, dass dieser die eindimensionale Figur des Humoristen zum hintergründigen Charakter verflacht. Qualtinger zeigte im Stück "Der Herr Karl" mit Wollust, dass in Wahrheit die kleinen Leute die großen Nazis waren. Es war die einzige Entnazifizierung, die in Österreich Anklang fand. Ein Jubel der Erleichterung ging durchs Land, auf dessen Wogen Qualtinger haltlos dahintrieb, wohingegen die Botschaft des Stücks sich als haltbar erweist.

Eine ähnliche Karriere wie das große Vorbild macht heute jeder zweite Kabarettist. Die neue Masse der Volksschauspieler muss aber nicht nur Säle füllen, sondern dort auch etwas sagen, obwohl alle Pointen bereits ausgequetscht sind - was nur mehr mit flehentlichem Augenzwinkern und verzweifeltem Grimassieren kaschiert werden kann. Bald wird auch das Publikum verzweifeln, und es wird, um sein Humorbedürfnis zu stillen, zu der Zeitschrift der Fleischerinnung Da lacht die Schweinsschulter greifen, bislang ein Geheimtipp für perverse Vegetarier. Bei der lustlosen Lektüre wird es bestürzt erkennen, dass Volksschauspieler und Kabarettisten ihre Pointen seit jeher diesem Blatt verdanken. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15./16.5.2005)

Zur Person

Der Schriftsteller veröffentlichte zuletzt bei Rowohlt den Roman "Das jüngste Gericht des Michelangelo Spatz".

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