Literatur als blutige Kampfsportart

24. Mai 2005, 20:31
1 Posting

Chuck Palahniuks apokalyptischer Kunst-Amoklauf "Das letzte Protokoll"

Es beginnt am 23. Juni mit der ebenso lakonischen wie harmlosen Eintragung: "Heute ist der längste Tag des Jahres - aber das ist ja heutzutage jeder." Allerdings hat sich schon jetzt der Teufel bei der hier noch reichlich banal Tagebuch führenden Misty Tracy Wilmot zwischen den Zeilen versteckt. Etwa in wunderbar lakonischen Betrachtungen wie: "Das Wetter heute ist teilweise wütend mit gelegentlichen Tobsuchtsanfällen." Oder: "Das Wetter heute ist teilweise durchtränkt von gelegentlichen Verzweiflungs- und Wutausbrüchen." Diese werden sich am Ende zu einem an Stephen Kings beste Zeiten erinnernden Weltenbrand für Kleinstädte auswachsen. Und wieder einmal wird unter Beweis gestellt werden, dass es selbstverständlich immer die Provinz ist, die die allergrößten Monster gebiert.

Misty Tracy Wilmot führt nicht etwa für sich selbst Tagebuch. Sie tut es für ihren Mann Peter. Der liegt nach einem Selbstmordversuch im Koma und kann sich bei seinem keineswegs erhofften Wiedererwachen auf harten Stoff gefasst machen. Immerhin hat Peter seiner Frau nicht nur erhebliche finanzielle Probleme hinterlassen. Bei seinem Beruf als Restaurateur von Ferienhäusern für Reiche auf einer pfiffig Waytensea genannten Insel vor der Küste im Nordosten der USA kritzelte er zuletzt im Wahn auch ganze Räume mit üblen Verwünschungen gegenüber Misty voll. Um diese Räume dann zuzumauern oder hinter neu aufgezogenen Resopalwänden zu verstecken. Was seine Kundschaft verständlicherweise zu Klagedrohungen veranlasst.

Hier schreibt sich auch Misty zwischen aufsässiger Teenager-Tochter, sadistischer Schwiegermutter und nur mit Alkohol zu ertragendem Sklavenjob als Kellnerin in der Nobelgastronomie zunehmend in Rage. Sie rechnet nicht nur mit ihrer Ehehölle ab. Während Misty wegen ihrer verpfuschten Karriere als vielversprechende bildende Künstlerin zusehends die Grenzen zwischen Alltag und Alptraum und Wahn und Wirklichkeit verschwimmen und sie wie besessen wieder zu malen beginnt, erkennt sie voller Entsetzen bald auch eines. Alles, was sie in fiebrigen Schüben auf der Leinwand festhält, scheint bald nicht nur tatsächlich einzutreten. Schon von Kindheit an deuteten die Zeichnungen der armen, verwirrten und traumatisierten Frau auf eine große, sich offenbar jetzt erfüllende finale Katastrophe hin.

Auch für diesen teuflisches Gelächter provozierenden Horrortrip hat der 43-jährige US-Autor Chuck Palahniuk nach früheren Meisterleistungen wie Fight Club, Invisible Monsters, Choke und zuletzt Lullaby einen für ihn mittlerweile typisch knappen, dafür aber fintenreich gehaltenen Stil des inneren Monologs gewählt. Der beinhaltet dieses Mal neben seiner düsteren Sicht auf die Welt und grundsätzlich schwarzgrau bis schwarz gehaltenen Zukunftsprognosen für unsere Zivilisation geschickt montierte Versatzstücke aus der Ideengeschichte der Philosophie, Kunst und Literatur zwischen Grafologie, Psychoanalyse und geschundenen Künstlerleben wie jenem Goyas oder Frida Kahlos. Ausgangsthese: Egal, welches Sujet man sich wählt, Kunst ist immer autobiografisch. Man kann speziell auch Palahniuks bekanntestes Werk, die mit Brad Pitt verfilmte schwarzhumorige Höllenfahrt Fight Club, oder die von Ökoterroristen und Voodoo-Sekten bevölkerte Endzeit-USA in Lullaby als Parabeln für untergehende Gesellschaften lesen. Was Palahniuk allerdings jetzt gelingt, ist eine Verfeinerung der Techniken, mit der er Schrecken erzeugt. Die mit der Faust gedroschene Schreibmaschine wurde eingetauscht gegen einen mit leichter Hand geführten Federkiel. Geschrieben wird mit Blut. Das ist, um Chuck Palahniuk ein großes Kompliment zu machen, entsetzlich zu lesen!

Alles endet am 3. September. Der Tod wäre auch für Misty Wilmot eine Erlösung. Aus einem ewigen Kreislauf in einer von Plato mit schrecklichen Schatten bespielten Höhle. Bloß, was tun, wenn die ganze Misere nach dem vermeintlichen Aus wieder von vorne losgeht? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.5.2005)

Von Christian Schachinger
  • Chuck PalahniukDas letzte Protokoll Deutsch von Werner Schmitz. € 19,90/284 Seiten. Manhattan/ Goldmann Verlag, München 2005.
    foto: manhattan

    Chuck Palahniuk
    Das letzte Protokoll
    Deutsch von Werner Schmitz.
    € 19,90/284 Seiten. Manhattan/ Goldmann Verlag, München 2005.

Share if you care.