Shakehands in Bleiburg/Pliberk

13. Mai 2005, 19:47
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Einer der Teilnehmer an Haiders Sprechtag in Neuhaus erklärte: "Wenn man den Slowenen den kleinen Finger gibt, wollen sie gleich die ganze Hand." - Ein Kommentar der anderen von Egyd Gstättner

Um in Südkärnten einen Ortstafelwirbel zu entfachen, braucht man höchstens so viele verstockte, bornierte, Vernunftsargumenten unzugängliche, ewig gestrige Fanatiker, wie man in Wien im Horrstadion braucht, um ein Fußballspiel zum Abbruch zu bringen. Das Ergebnis ist da wie dort leider peinlich und blamabel. Ob die Sanktionen weit genug reichen, darüber lässt sich streiten - da und dort. Bedauerlicherweise hört man immer die wenigen Lauten, die einfach nicht kapieren, dass der Abwehrkampf vorbei ist. Ein schiefes Licht fällt aber auf alle, auch auf die vielen rundherum, die betreten den Kopf schütteln.

Bloß wenige Stunden nachdem Jörg Haider Sprechtag im Gemeindeamt Neuhaus hielt, Unmutsäußerungen wegen der Aufstellung einer zweisprachigen Ortstafel über sich ergehen lassen musste - "wir waren immer schon gegen zweisprachige Ortstafeln und werden es immer sein", schimpfte ein ungehaltener Klient - und daraufhin wohl nicht die Aufstellung der Ortstafel, aber den dazu geplanten Festakt absagte, war ich ein paar Kilometer entfernt mit einer Lesung zu Gast im Kulturni Dom von Bleiburg, das auf slowenisch Pliberk heißt. Die Stimmung war gedrückt, und viele Kärntner Slowenen schienen deprimiert.

Der Moderator Janko Kulmesch fragte mich gleich zu Beginn coram publico nach meinem Verhältnis zur slowenischen Volksgruppe, und ich antwortete, dass ich es mit dem österreichischen Bundespräsidenten, dem guten Hirten Heinz, halte: dass man in einem sich einigenden Europa im Jahr 2005 nicht mehr ernsthaft mit Bedrohung von außen und der Angst vor territorialen Ansprüchen argumentieren könne und zweisprachige Ortstafeln in einem zweisprachigen Gebiet letztlich nichts anderes als den Respekt vor der im Land lebenden Minderheit signalisiere.

In einem Gebäude mit mehreren Wohnungen muss doch wohl jeder Mieter das Recht haben, mit Klingel und Namen in der Gegensprechanlage vertreten zu sein, egal wie viele Quadratmeter eine Wohnung hat. Die Hausordnung gilt ohnehin für alle.

Ich jedenfalls habe nicht die geringsten Probleme gehabt, beim Widmen der Bücher neben Bleiburg auch Pliberk hinzuschreiben. Die Absage des Festakts halte ich für nicht besonders schlimm, denn die Behebung eines 28 Jahre währenden Versäumnisses und die Umsetzung einer Selbstverständlichkeit sind eigentlich noch kein zwingender Grund zu feiern.

Nach der Lesung habe ich mich noch länger mit Janko Kulmesch unterhalten, der einer der Initiatoren des Komitees "Sichtbare Heimat - Vidna Domovina" ist. In einer Broschüre des Komitees steht: "Deutsch und Slowenisch gehören zu Kärnten. Etwas davon zurückzudrängen würde einen schweren Verlust bedeuten. Die Vielfalt zu pflegen, sie in Gebrauch zu halten, sie in der Landschaft, in Büchern und Karten sichtbar zu machen, stärkt das Heimatgefühl und gibt uns das Bewusstsein, in einer von uns mitgestalteten Landschaft und Kultur zu Hause zu sein."

Gar so schreckenserregend klingt das ja nicht. Mitglieder des Komitees haben - auf Privatgrund! - etwa 150 zweisprachige Ortstafeln aufgestellt. Über 20 davon wurden binnen weniger Tage beschädigt oder demoliert. Die Täter wurden bislang nicht ausgeforscht.

Wenn man eine germanistische Kommission durchs Land schickte und in all den Gemeinden auch die deutschen Ortstafeln abmontierte, wo ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung unter lexikologischen, orthografischen und grammatikalischen Defiziten leidet und die Hausbibliotheken einen zu geringen Bestand an deutschsprachiger Literatur aufweisen: Wir hätten gar keine Ortstafeln mehr. Einer der Teilnehmer an Haiders Sprechtag in Neuhaus erklärte: "Wenn man den Slowenen den kleinen Finger gibt, wollen sie gleich die ganze Hand."

Ich habe nach der Lesung in Bleiburg mehreren Slowenen die ganze Hand gegeben, und ich versichere: Es hat gar nicht wehgetan. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15./16.5.2005)

Zur Person

Egyd Gstättner (43), Schrift- steller und Essayist, lebt in Klagenfurt; zuletzt erschienen: "Geschichten aus dem Süden" (Amalthea Verlag).

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