Der kleine Wilde

24. Mai 2005, 20:28
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Cornelia Funkes Kinderbuch "Der wildeste Bruder der Welt"

Die Welt ist gefährlich, Mama", erklärte Ben Funke seiner Mutter Cornelia, als er fünf Jahre alt war. Und trug deshalb bei jedem Spaziergang Plastikschwert und Wasserpistole mit sich. Oder er malte mit Schminke nasse, rote Flecken auf den Schreibtisch seiner neunjährigen Schwester Anna. Und behauptete steif und fest, das seien Blutflecken vom Kampf mit einem Menschen fressenden Monster. Weil sie Buben wie den ihren in keinem Bilderbuch fand, schrieb Cornelia Funke dann eben selbst die Geschichte Der wildeste Bruder der Welt (€ 12,-, Verlag Friedrich Oetinger, ab 4 Jahren).

In dem Bilderbuch flitzt der kleine Ben von früh bis spät herum und kämpft elefantenstark und löwenherzig für seine Schwester. Anna spielt mit, flieht in den Kleiderschrank und lässt sich von dem kleinen Bruder im Garten vor Füchsen und Wölfen beschützen. Ben macht es wie das Kind, das seine Angst vor dem Arztbesuch bewältigt, indem es eine gewichtige Miene aufsetzt und seinem Stoffschaf mit dem Bleistift eine Spritze in den Po gibt. Anna scheint zu spüren, wie wichtig es für ihn ist, die Rolle des Kleinen, Ausgelieferten in eine Größenphantasie zu verkehren.

Cornelia Funke ist zurzeit der große Star unter den deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Auch in dieser kleinen Geschichte wird ihr Gespür für das deutlich, was Kinder zu lesen lieben: süffige, amüsante und kluge Geschichten. Ihre Sprache spiegelt Bens pralle Fantasie wider. Da sind die Monster dann gleich auch Menschen fressend, die Käfer kneifend und die Ungeheuer Schleim spuckend. Cornelia Funke kriegt das so organisch hin, dass ihre skurrilen Ausschmückungen nie wie Schnörkel wirken. Gleichzeitig vermittelt sie den liebevoll-ironischen Blick der großen Schwester.

Einige Bilder gehen nicht bis zum Seitenrand, sondern schweben zart wie Seifenblasen mit weichem Rand auf dem weißen Grund. Das ist genau richtig, um die warmherzige Geschwisterbeziehung zu illustrieren. Kerstin Meyer malt die Bilder aus, die in Bens Kopf entstehen. Spätestens am Ende wird ein Lieblingsmotiv des Gespanns Funke-Meyer deutlich: starke Mädchen. Denn wenn die Nacht kommt und ihr rußschwarzes Gesicht ans Fenster drückt, kriecht der kleine Bub auf der Flucht vor den Kneifkäfern zu Anna in ihr warmes Bett.
(schne/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.5.2005)

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