Wegschauen wird teuer

13. Mai 2005, 19:45
34 Postings

Ortstafeln: Beim viel größeren Zuwandererproblem können wir uns nicht mehr leisten, wegzusehen - Eine Kolumne von Hans Rauscher

Man muss sich nur dieses Foto auf der Titelseite des gestrigen STANDARD ansehen, um die Befindlichkeit dieser Regierung zu erkennen: Schüssel, Haider, Ambrozy bei der Eröffnung einer zweisprachigen Ortstafel in Kärnten: Der Kanzler applaudiert, aber sein Mund ist ein schmaler, verkniffener Strich, Haider hat den leeren Blick eingeschaltet, Ambrozy schaut düster in die Ferne.

So geht's, wenn man schnell noch vor dem Staatsvertragsjubiläum am Sonntag eine Ortstafel aufstellen will, die dort seit 50 Jahren stehen sollte (rund 150 fehlen noch).

Seien wir realistisch und sagen wir, der Kanzler konnte in der gegebenen Situation nicht viel anderes machen. Er hat seine Strategie des Gutzuredens und der großen "Dialoge" auch hier eingesetzt und mit "Konsenskonferenzen" versucht, die Kärntner Nationalisten und Isolationisten langsam, langsam ins 21. Jahrhundert zu führen. Das wäre vermutlich auch der richtige Weg, aber er hat zu spät damit angefangen (frühere Kanzler haben es gar nicht versucht). Und er hat einen Partner Haider, der ihm keinen Erfolg gönnen will. Und es wurde nicht versucht, die katastrophale Bewusstseinslage der Kärntner breitflächig zu beeinflussen. Das hätten auch schon frühere Regierungen machen müssen, aber die ÖVP hat eben fünf Jahre lang Kärnten Haider überlassen.

So blieb es bei der Mentalität, die der Schriftsteller Werner Kofler schon 1991 unter dem Titel "Auf der Behörde" charakterisierte:

nix

tua ma nix

umanonda-tischkarirn

nix, do

wer ma nit long umanon- da-tischkarirn

mir red ma

deitsch.

Wer Angst vor ein paar fremdsprachigen Aufschriften hat, besitzt nicht gerade die besten Voraussetzungen für den globalen Wettbewerb. Man hat diesen Kärntner Krampf zu lange unbehandelt gelassen, auch in der Kärntner SPÖ, weil man den Leuten nach dem Mund redete, statt Führung zu beweisen und das Thema offensiv anzugehen.

Die Slowenen wohnen seit Jahrhunderten auf dem Gebiet des heutigen Österreich. In ganz Österreich leben fast eine Million nicht in Österreich geborener Neuankömmlinge. Davon sind schon hunderttausende Staatsbürger und hunderttausende werden es in absehbarer Zeit noch werden. Die Türken, Exjugoslawen, Albaner, Araber, Chinesen, Inder usw. werden zum größten Teil weiter hier leben. Ihre Kinder sowieso. Nach einer Umfrage wird diese Zuwanderung aber von 65 Prozent der "eingesessenen" Österreich abgelehnt.

Das ist eine Riesenaufgabe für die Gesellschaft und die Politik, unter anderem deshalb, weil rund 340.000 der Zuwanderer Muslime und damit die zweitgrößte Religionsgruppe sind. Die Antwort heißt Integration, auch Assimilation. Die Kopftücher und zeltartigen Gewänder für Frauen soll man nicht verbieten, sondern sanft und klug fördern, dass sie im Rahmen gesellschaftlicher Erkenntnisprozesse außer Gebrauch kommen. Denn sie sind in hohem Maße nicht "kulturell", sondern Signale eines politisierten Islam.

Zwangsehen und "arrangierte Ehen" sind einerseits behördlich zu unterbinden, andererseits ist diese Praxis durch Förderung der Emanzipation zu entmutigen. In die Bildung und Ausbildung der Jungen ist massiv zu investieren.

Jahrzehntelang haben wir beim vergleichsweise kleinen Problem der Minderheiten in Kärnten weggeschaut. Bei den viel größeren Zuwandererproblem können wir uns das nicht mehr leisten. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15./16.5.2005)

Share if you care.