Geistesblitz: Zwischen Recht und Diskriminierung

14. Mai 2005, 09:30
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Bewusstseinsarbeit mit juristischen Mitteln: Gert-Peter Reissner, Jurist mit sozialer Ader

Als Arbeits- und Sozialrechtler an der Uni Graz wirft Gert-Peter Reissner einen Blick auf Probleme von Menschen, die nicht auf der Butterseite des Lebens gelandet sind. Zum Beispiel auf die ungeklärte rechtliche Situation von süchtigen Arbeitnehmern. Im Auftrag der steirischen Arbeiterkammer bemüht sich der 41-Jährige, Lösungen für dieses Problem zu erarbeiten. "Hier ist unter anderem zu klären, wie lange ein Arbeitsplatz etwa für einen Drogenabhängigen frei zu halten ist oder welche sozialrechtlichen Schienen zum Einsatz kommen, wenn er arbeitslos wird. Bislang kann das Arbeitsrecht hier nur beschränkt Hilfestellung geben, im Sozialrecht gibt es Lücken."

Eine illusionslose Wahrnehmung gesellschaftlicher Verhältnisse garantiert auch seine laufende wissenschaftliche Arbeit in einem EU-Projekt zur neuen europäischen Antidiskriminierungsrichtlinie: "Hier gilt es zu überprüfen, ob und inwieweit dieses seit vorigem Sommer in Österreich geltende Recht bereits Früchte getragen hat", erklärt Reissner. Grundsätzlich geht es dabei neben der Gleichstellung von Frauen und Männern auch um die Eindämmung von Diskriminierung aufgrund ethnischer Herkunft, Weltanschauung, Alter und sexueller Orientierung. Obwohl die ersten Erfahrungsberichte erst in einigen Monaten vorliegen, sei jetzt schon klar, dass hier "noch viele Umdenkprozesse stattfinden werden", ist Reissner überzeugt. "Denken Sie nur an Boutiquen, die ausschließlich Verkäuferinnen unter 30 suchen. Oder an die Beschäftigungschancen von Ausländern."

So landete bei der steirischen AK beispielsweise ein Fall, in dem ein Arbeitgeber sogar schriftlich vermerkte, dass in seinem Betrieb keine Schwarzen aufgenommen würden. "In Österreich dominiert hier immer noch eine eher derbe Sprache, die sich natürlich auch in der arbeitsrechtlichen Diskriminierung spiegelt. Künftig werden sich schlaue Arbeitgeber halt professioneller verhalten und ihre Ablehnungen politisch korrekt formulieren." Dass es sich bei den neuen Richtlinien nur um Kosmetik handelt, lässt Reissner dennoch nicht gelten: "Ich sehe den Prozess, der durch diese Richtlinien eingeleitet wird, sehr realistisch" - und das bedeute auch, dass damit zumindest in Teilen der Bevölkerung eine Sensibilisierung stattfinde. "Davon abgesehen wurde auch die Schadenersatzhöhe im Diskriminierungsfall hinaufgesetzt, was die Effektivität des Rechts beträchtlich erhöht."

Dass die Rechtswissenschaft auch in der universitären Lehre nicht notwendigerweise eine trockene Angelegenheit sein muss, sondern äußerst spannende Einblicke in gesellschaftliche Machtverhältnisse geben kann, hat der engagierte Jurist mit seinem Lern- und Übungsbuch Arbeitsrecht bewiesen: Das mit vielen Praxisbeispielen angereicherte Werk macht deutlich, dass sich juristisches Basiswissen durchaus nicht nur durch öde Auswendiglernerei erwerben lässt.

Reissners Privatleben wird von seinem zweijährigen Sohn Paul, seiner Frau und einer starken sportlichen Neigung dominiert: Bergsteigen, Tourengehen und Laufen. Und weil sich die Juristerei so gut mit seiner privaten Leidenschaft verbinden lässt, organisiert Gert-Peter Reissner auch noch das im Juni stattfindende Grazer Sportrechtsforum mit. (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 5. 2005)

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    illustration: standard/schopf
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