Eva Menasse im STANDARD-Interview: "Das Österreichische reicht in einen größeren Raum"

13. Mai 2005, 19:32
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Das Typische an Österreich sei die alte Beziehung zu den Ländern der ehemaligen Monarchie, meint die Schriftstellerin Eva Menasse, die in Berlin lebt und arbeitet. Man koche aber auch zu sehr im eigenen Sud. Das Gespräch führte Hans Rauscher.

STANDARD: Sie leben und schreiben in Berlin. Fühlen Sie sich noch als Österreicherin?Das Typische an Österreich sei die alte Beziehung zu den Ländern der ehemaligen Monarchie, meint die Schriftstellerin Eva Menasse, die in Berlin lebt und arbeitet. Man koche aber auch zu sehr im eigenen Sud.
Menasse: Ja. Besonders, seit ich in Deutschland lebe - der Effekt ist bekannt. In letzter Zeit reagiere ich aber fast allergisch auf Österreich. Ich kenne ein paar Minister schon nicht mehr, weil die mich wenig interessieren. Aber die Skandale, die an mich herandringen, regen mich in einem Ausmaß auf, wie es früher nicht war. Diese politischen Sachen sind unglaublich provinziell, es ist alles so klein und doch so aufgeregt. Das kennt man, wenn man in Österreich lebt, das schaut von hier aber noch mal anders aus.

STANDARD: Können Sie das an einem Beispiel beschreiben?
Menasse: Ich war in Österreich auf Lesereise und treffe Bekannte im Zug, und es geht sofort wieder um Haider. Das war noch vor dieser Spaltung, und ich habe eingewendet, dass es in Deutschland ein NDP-Problem gibt - die sagen Sachen im sächsischen Landtag, da zieht's einem die Schuhe aus. Und die schauen mich an - dann ist kurz Pause - und fangen wieder von Haider an. Als hätten sie mich nicht gehört, als berühre sie das nicht.

STANDARD: Haider ist ja mit den Ortstafeln wieder aktuell . . .
Menasse: Das ist ein Skandal, aber der wird in Österreich nicht so empfunden. Die dünne Schicht intellektueller Kommentatoren schreibt das ab und zu. Aber es ist ja kein drängendes Problem, nicht einmal dem Bundeskanzler.

STANDARD: Sind die Deutschen wirklich so anders als wir?
Menasse: Die sind schon anders. Deutschland ist so ein weites Land, da ist so viel drin, die Leute sind so unterschiedlich. Wahrscheinlich, weil viel mehr da sind. Die haben viel mehr Ahnung von der Welt - da denke ich, die Österreicher sind schon sehr im eigenen Sud. Ich glaube, die österreichische Identität hängt davon ab, wie sie sich zu den Deutschen definieren. Das antideutsche Ressentiment zieht sich ja durch alle Schichten. Selbst der gebildetste Österreicher denkt in einem Winkel seines Herzens - ich ja auch - dass bestimmte Sachen in Österreich besser sind.

STANDARD: Bis in die 60er-Jahre fühlten sich viele Österreicher noch sehr deutsch!
Menasse: Ich glaube, dass Identitäten lange nachleben. In den 60er-Jahren, als Heimito von Doderer seine letzten Romane schrieb - da war immer noch die Identität des k.u.k. Reichs drin. Diese Idee, dass man nach Kroatien, Slowenien, Belgrad und Bukarest reisen kann und noch in seinem eigenen Einflussbereich ist. Das ist langsam gewichen, und dann war da eine Leerstelle, und da hat sich dieses reduzierte Land nur irgendwie an Deutschland anhängen oder andenken können.

STANDARD: Völlig deckungsgleich mit seinem Land fühlt man sich nie - was finden Sie herausragend an Österreich?
Menasse: Da fallen mir zuerst Klischees ein: die Lebensqualität und die Landschaft. Faszinierend ist dieses Österreich als Kraftwerk, gerade was Literatur betrifft: Bernhard, Jelinek - alle wenden sich dagegen und arbeiten sich irrsinnig daran ab. Es gibt kein anderes Land, wo sich die Leute in ihren Selbstreflexionen so mit diesem Selbsthass beschäftigen, geradezu darin suhlen. Ich reagiere da manchmal allergisch und sage: Ja, wir halten uns für was Besonderes, auch im Negativen. Dabei gibt es überall kleine Länder, die Probleme und unbewältigte Vergangenheiten haben. Man braucht sich nur umschauen, nach Tschechien und Polen. Nur: Niemand hasst sich selber so.

STANDARD: Was ist für Sie das typisch Österreichische?
Menasse: Das ist eine Idee, wo dieses Große noch mitschwingt, eine nahe Beziehung zu den Ländern, die wir zum Glück wieder bereisen können. Ich habe mal einen deutschen Freund von Schwechat abgeholt, der noch nie da war und fassungslos auf das Autobahn-Abzweigeschild nach Budapest starrte. Dem war nicht klar, dass wir so weit im Osten sind. Diese Dinge hat ein Österreicher in sich - dass Budapest und Prag in der Nähe sind, und dass das was mit einem zu tun hat. Und sei es nur der tschechische Nachname der Maly-Tante! Das ist für mich das Österreichische. Ich halte auch die tschechische und ungarische Literatur für mit der österreichischen viel verwandter als die deutsche. Doderer und Bohumil Hrabal haben mehr miteinander zu tun - obwohl eh nicht viel - als mit Thomas Mann. Das ist es, wo ich ein bisschen stolz sein kann auf Österreich. Nicht der Schüssel, und auch nicht Haider! Es ist etwas, das viel weiter zurückreicht und einen viel größeren Raum einnimmt. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15./16.5.2005)

Das Gespräch führte Hans Rauscher

Zur Person

Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren und begann ihre Schreibkarriere beim Nachrichtenmagazin profil. Sie wurde später Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, für die sie als Kulturkorrespondentin in ihrer Heimatstadt arbeitete und 2000 den Londoner Prozess um den Holocaust-Leugner David Irving begleitete.

Eva Menasses belletristisches Debüt "Vienna" (Verlag Kiepenheuer & Witsch) erschien Anfang 2005. Die Autorin lebt seit 2003 in Berlin.

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