Kommentar: Kassasturz bei Kindern

16. Mai 2005, 19:04
1 Posting

Die Sparmaßnahmen der maroden Krankenkassen kriegen auch die Kinder zu spüren - von Bettina Fernsebner-Kokert

Wer meint, wir befänden uns im Gesundheitsbereich auf dem Weg zu einer Zweiklassengesellschaft, irrt. Wir sind bereits längst dort angekommen. Die Sparmaßnahmen der maroden Krankenkassen greifen, die Wiener Gebietskrankenkasse hat die Leistungen für Mitversicherte als erste gekappt, die Tiroler GKK folgte. Zu spüren kriegen die Einsparungen auch Kinder. Das seien eben autonome Kassenentscheidungen, putzt sich Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat - gelinde gesagt - ab.

So zahlt die Wiener Gebietskrankenkasse Kindern, die an Asthma oder schweren Infekten der Atemwege leiden, keine Therapieaufenthalte mehr. Ja, nicht einmal ein Zuschuss für einen Erholungsurlaub in den Bergen in der Höhe von 3,63 Euro pro Tag ist noch drinnen. Natürlich muss um jeden Cent gerungen werden. Doch der Spareffekt von 175.000 Euro im Jahr ist so kurzfristig wie kurzsichtig. Denn die Zahl der Kinder mit Atemwegserkrankungen steigt, und sind die Kleinen erst zu chronisch kranken Erwachsenen geworden, werden sie die Krankenversicherung ein Vielfaches kosten.

Gänzlich unverständlich ist jedoch, wenn für Säuglinge mit unheilbaren Stoffwechselerkrankungen wie zystischer Fibrose die optimale Zusatznahrung nicht bezahlt wird, die einzige, die keine Verdauungsprobleme bereitet und ideal auf die Bedürfnisse der Babys abgestimmt ist. Der Hauptverband habe das Präparat nicht auf den Erstattungskodex gesetzt, lautet das Argument der NÖGKK, und Nahrung sei eben kein Medikament. Aber man prüfe jeden Fall einzeln. Nicht zuletzt durch das Stoffwechselscreening bei Neugeborenen kann zystische Fibrose frühzeitig erkannt werden. Bloß, was nützt alle kostenintensive Früherkennung, wenn die Therapie nicht bezahlt wird? (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD - Printausgabe, 14./15./16. Mai 2005)

Share if you care.