Überall nur Göttergatten

13. Mai 2005, 19:25
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Janus Kica trägt den "Amphitryon" gekonnt bis zur Tiefsinnigkeit ab

Wien - Wie fad ist ohne Liebe auch der Olymp! Was langweilt sich der Göttervater, da er dem Treiben seiner Geschöpfe doch von weitem (oben) zuzusehen berufen ist! Dass er dann hie und da - er darf es ja - hinabsteigt, um sein Können am Erdenbürger (am liebsten an der Erdenbürgerin) zu erproben, befüllt kapitelweise die Mythologie.

Der göttlichen Möglichkeit des prompten Gestaltwechsels, des Kaperns (Kopierens, Klonens) fremder Körper verdankt sich ein gut Teil der auf sie folgende Tragödien- wie Komödienliteratur.

Für sein Lustspiel Amphitryon hat sich Heinrich von Kleist im Stücklager eines Molière bedient und die darin im wahrsten Sinn "vollzogene" Vermengung von Göttlichem mit Menschlichem aus dem höfischen Kontext herausgelöst in eine leichtsinnige Gesellschaftskomödie. Im Theater in der Josefstadt gräbt Regisseur Janus Kica aber nach ihrem Tiefsinn, mit Erfolg.

Kica (wunderbar war am Haus auch sein "Liliom") trägt den wurmstichigen Witz einer Verwechslungskomödie ab, klopft die Schnörkel breit, bis er am Anfang eines echten Dramas steht, eines Dramas zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit. Von hier geht er aus, das poliert er heraus:

Zeus, nichts Menschliches ist dem Gotte fremd, zieht in den Körper jenes Feldherrn Amphitryon (Herbert Föttinger), der soeben im Begriff ist, vom erfolgreichen Kriegsschauplatz zur geliebten Gattin Alkmene (Katharina Zapatka) heimzukehren. Nach zünftiger Nacht mit der (vorgeblich) lang entbehrten Frau taumelt der Göttervater (Michael Dangl) im schuldlos weißen Gewand auf den Hausvorplatz und kann sich gerade noch die Manschetten richten. Im Rücken droht die mächtige Fassade einer Energiesparhausfront (?) aus Holz, Glas und Metall (Bühne: Kaspar Zwimpfer), deren gläserne Tür sich zum Schluss als olympische Pforte schließen wird.

Als wenig später dann der echte Gatte die Gemahlin an die Ehepflicht gemahnt, macht diese überraschend schlapp und lässt ihn erkennen: Du warst ja schon da!

Welches Ich ist nun das echte? Aber vor allem, und das interessiert den saloppen Sport-Zeus: Welcher ist der bessere Mann? Im "Streichelchaos" (Okopenko) eines postkoitalen Diskurses fordert Zeus von seiner Schönen eine unmissverständliche Deklaration. Nicht im Ruf schnöder Gattenkunst möchte dieser Macho (mit gegeltem Haar) stehen, sondern sich doch der Fertigkeiten eines echten Liebhabers rühmen. Doch Alkmene, die reine, von Zapatka allzu statuarisch angelegt, bleibt (in Gedanken) ihrem Gatten treu. Dem Ehemann gehört ihre Liebe, dem fallweisen Gott nur die Ehrfurcht.

Ménage-à-trois

Der vor allem Dank Föttingers Oszillierungskunst - zwischen rechtschaffener Sanftmut und herkulischem Donner - an den Grund des Ernstes gespielte Ménage-à-trois geht auf Dienerebene derselbe (ganz komödiantische) Körpertausch spiegelnd voraus. Ein herausragender Siegfried Walther als Diener Sosias schlägt im ersten Akt den entscheidenden Ton der Inszenierung an. Er ist der Witzbold, der keiner ist, ein armer Mann unter der Schlappohrenhaube, der gegen seine Geschlagenheit in Dur anspricht, wo seine Herrschaft sich im Moll vertieft. Sein Doppelgänger Merkur (Stefan Matousch) knöpft ihm das eigene Ich mit harten Schlägen ab - und die Geneigtheit der Gattin (Katrin Stuflesser). Schön.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.5.2005)

Von
Margarete Affenzeller
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    Zeus (Michael Dangl) täuscht der Alkmene (Katharina Zapatka) erfolgreich den Ehemann vor.

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