Nullglaubwürdigkeit

12. Juli 2005, 15:30
9 Postings

"Wir haben die Trinkgeldsteuer jetzt abgeschafft. Trinkgeld ist jetzt mehr wert!", inseriert Grasser dieser Tage auf Kosten der Steuerzahler

Mehr als 50 Jahre lang musste Trinkgeld versteuert werden. Wir haben die Trinkgeldsteuer jetzt abgeschafft. Trinkgeld ist jetzt mehr wert!", inseriert Finanzminister Karl-Heinz Grasser dieser Tage auf Kosten der Steuerzahler. Der eine oder andere wird sich wohl gefrotzelt vorkommen.

Es stimmt schon. Auf geduldigem Papier, auf dem so mancher Gesetzestext verfasst wird, stand schon seit Jahrzehnten, dass Trinkgeld als normaler Einkommensbestandteil prinzipiell zu versteuern wäre, nur wurde es nie exekutiert. Totes Recht. Eine Schröpfaktion im Bereich der unteren Einkommensschichten, bei Friseuren, Taxlern, Kellnern war und ist immer völlig unpopulär. Grasser schafft also eine Steuer ab, die ohnehin nie eingehoben wurde. Welch Großtat. Welch Entlastungsmaßnahme.

Nicht einmal die Vorgeschichte zu dieser Farce stört den frisch und selbstverliebten Minister in seinem Eigenlob. Im Sommer des Vorjahres landeten auf den Tischen Wiener Spitzengastronome aberwitzig hohe Steuernachforderungen, weil diese für Kreditkarten-Trinkgelder den Lohnsteueranteil nicht abgeführt hatten. Der Aufschrei der Gastronomie blieb zwar nicht aus, in der Himmelpfortgasse aber unerhört.

Medialer Konter

Erst als Grasser die potenzielle Ergiebigkeit der neue Einnahmenquelle entdeckt hatte und in einem Aufwaschen die Trinkgeldbesteuerung auf alle Branchen ausweiten wollte, kam der unausweichliche mediale Konter. Grasser ließ die Finger von den Trinkgeldern just an dem Tag, nach dem ihn die Kronen Zeitung per Blattaufmacher ultimativ dazu aufgefordert hatte.

Heute will Grasser nichts mehr von einer Kehrtwende wissen. Klar, die "Berichterstattung" war schuld an der öffentlichen Verwirrung. Irgendwie kennen wir das alles schon. Der kurze Weg vom Nulldefizit zur Nullglaubwürdigkeit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15./16.5.2005)

Von Michael Bachner
Share if you care.