Schräge Variationen des modernen Helden

13. Mai 2005, 18:24
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Fulminanter Auftakt in Cannes mit zwei Meisterwerken von Woody Allen und Gus van Sant

Cannes - Neuland betreten und dabei über einen verlässlichen Schatz an Erfahrung verfügen: Woody Allen, den man zuletzt schon allzu leichtfertig in den Schubladen des durchaus "wertvollen" Handwerks und einer verlässlich-amüsanten New Yorker Eloquenz abgelegt hatte - der sorgte zu Beginn der 58. Filmfestspiele in Cannes für eine kleine Sensation. Sein jüngstes Werk, sein erster in London gedrehter Film, die Tragikomödie Match Point läuft hier zwar außer Konkurrenz, müsste aber per Ausnahmeregelung umgehend mit einer goldenen Sonderpalme prämiert werden.

Seit Verbrechen und andere Kleinigkeiten ist Allen nicht mehr derart nahe an sein oft etwas flapsig formuliertes Ziel herangekommen: in einer Serienproduktion vieler "kleiner Komödien" doch mitunter ein wirklich großes Menschheitsdrama zu liefern. In diesem Fall ist der Mensch ein Tennislehrer, Kulturliebhaber und Möchtegern-Salonlöwe (Jonathan Rhys Meyers), der alles will und dabei auch noch wahrhaft lieben möchte. Ein berechnender Idealist.

Ein sensibler Intrigant, wie es ihn seit Patricia Highsmiths Talentiertem Mr. Ripley nicht mehr gab. Dieser "moderne Held" liest Dostojewski, macht trotzdem Karriere, wagt einen mehr als riskanten Seitensprung mit einer amerikanischen Schauspielerin (Scarlett Johansson) - und das Ganze gipfelt in einem brutalen Mordszenario, als hätte wiederum Woody Allen nichts anderes gewollt, als Dostojewskis Schuld und Sühne unter Umständen zu verfilmen, die eines Oscar Wilde oder William Thackerays (Jahrmarkt der Eitelkeiten) würdig wären. Selten war die tragische Fallhöhe in seinen Filmen spürbarer.

Ebenbürtig war dieser göttlich menschlichen Komödie bis dato lediglich Gus van Sants Last Days - eine fiktionalisierte und phasenweise ebenfalls ziemlich schräge Variation über das Ende des Rockmusikers Kurt Cobain: Wieder einmal stolpert van Sant mit seinem Protagonisten durch banale Verrichtungen eines Tags: Die letzte Packung Ricecrispies erzählt da ebenso vom Verrecken in sterilisierter Kulturindustrie wie bedröhnte Irrläufe im Wald und Venus in Furs von Velvet Underground. Es entsteht aus solchen Irrläufen ein zersplittertes Bild totaler Vereinsamung. Am Ende sieht man noch, wie den Leichenträgern der Körper des Superstars von der Bahre fällt: ein harter Aufschlag als Gegengeräusch zu weich gezeichneten Rock'n'Roll-Klischees. (cp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.5.2005)

  • "Last Days" von Gus van Sant - eine fiktionalisierte Variation über das Ende des Rockmusikers Kurt Cobain.
    foto: image.net

    "Last Days" von Gus van Sant - eine fiktionalisierte Variation über das Ende des Rockmusikers Kurt Cobain.

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