Vom Werden eines Bösewichts: Darth Vader, Kopf des Tages

13. Mai 2005, 21:31
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Die Rede ist vom Mann mit der schwarz lackierten Salatschüssel auf dem Kopf

Der Heros in tausend Gestalten – so betitelte der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts einen großen Essay, in dem er nichts weniger nachzuweisen versuchte als: Egal, welcher Religion oder Herkunft die großen Menschheitshelden entstammen – ihre Lebens- und Leidenswege sind durchaus verwandt.

Eine Kindheit ohne wirklichen Vater, frühe Anzeichen einer besonderen Bestimmung oder Begabung, Auflehnung gegen die Macht dieser Bestimmung, Verführungsversuche vonseiten dunkler Mächte, Läuterung und Erhöhung: Jesus, Buddha, Parsifal oder Superman teilen diesen wieder und wieder neu erzählten Pfad mit einem an und für sich ziemlich finsteren Kerl, der lange Jahre als Paradebösewicht unterschätzt wurde.

Die Rede ist von Darth Vader, vormals Anakin Skywalker, dem Mann mit der schwarz lackierten Salatschüssel auf dem Kopf, der in den ersten Star Wars-Filmen der 70er- und 80er-Jahre einer Hand voll letzter Jedi-Ritter das Überleben zur Hölle machte. Dass Star Wars als Saga in ferner Vergangenheit und zugleich einem höchst futuristischen Universum spielt, ist nur ein Indiz dafür, dass Regisseur und Autor George Lucas die Theorien Joseph Campbells genau studiert hat. Zeitlosigkeit war in jeder Hinsicht sein Erzähl- und Marketingprogramm.

Angeblich hatte Lucas vom beginn an jene Vorgeschichte im Kopf, durch die Darth Vader/Anakin zur eigentlichen Hauptfigur der Serie wurde. Mittlerweile erzählen ja die "ersten" Episoden davon, wie er als aufbrausendes Talent nicht mit seiner Ausnahmestellung zurande kommt, sich aber schnell in eine gut 15 Jahre ältere Prinzessin verliebt und schließlich nach einem Debüt als hoch begabtes Computerkid selbst zur Menschmaschine wird.

Manche meinen, George Lucas teile gewisse Emotionsdefizite und autistische Eigenschaften seines Haupthelden. Andererseits liegt bei beiden die wahre Leidenschaft vor allem im obskuren Detail: Dass etwa Anakins jungfräuliche Mutter von einer Lieblingsdarstellerin von Ingmar Bergmann, Pernilla August, gespielt wurde, ist ein sehr bezeichnender Sidestep in Lucas' angewandter Mythologie.

Die wohl noch Berge von Poptheorie zeitigen wird – nicht zuletzt zur Frage, wie archetypisch eine Kinoserie gebaut sein muss, um vom "Guten" in der "dunklen Seite der Macht" erzählen zu können, über Phasen hinweg, in denen Darth Vader und das "dunkle Imperium" immer wieder als Parallelerscheinungen zur realen US-Innen- und Außenpolitik galten. Übrigens hat George Lucas mittlerweile angeblich jene Pläne verworfen, denen zufolge auf den Tod Darth Vaders in Episode VI (er opfert sich für seine Kinder) noch drei Filme folgen sollten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.5.2005)

Von Claus Philipp
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