Experte: "Schlittern immer rascher in Eskalation"

20. Mai 2005, 19:20
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Chinesischer Nordkorea-Experte Zhang Liangui warnt davor, die Atomaufrüstung Pjöngjangs zu unterschätzen

Ein hochrangiger chinesischer Nordkoreaexperte hält die von seinem Land organisierten Sechs-Staaten-Gespräche zur Beilegung des Atomstreits mit Pjöngjang für gescheitert. Er fordert alle Beteiligten zu einer "180-Grad-Wende" auf, bevor es zu spät ist.

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"Schon zur Jahreswende könnte es zu kriegerischen Zusammenstößen zwischen den USA und dem Norden kommen. Wir schlittern immer rascher in die Eskalation hinein", sagte der Professor für Internationale Strategiefragen an Chinas Parteihochschule, Zhang Liangui.

Zu viele glaubten, so Zhang, dass Nordkorea mit seiner Atomaufrüstung nur pokert, um einen höheren Preis bei Verhandlungen zu erzielen. Für Pjöngjang sei der Status einer Atommacht aber ein "festes strategisches Ziel. Wir sollten aufhören, uns darüber Illusionen zu machen. Die Lage ist dafür zu ernst."

Immer mehr chinesische Forscher stimmen Zhang inzwischen zu, dass sich Nordkorea von seiner Atomaufrüstung nicht durch Sechser-Gespräche abhalten lässt. Die jüngsten Ereignisse hätten das dramatisch bestätigt, sagte Zhang dem Standard. Pjöngjang habe am 10. Februar die Grenze überschritten, als es erstmals ankündigte, längst Atomwaffen zu besitzen.

Nun gehe es noch einen Schritt weiter. Am Mittwoch gab es bekannt, 8000 abgebrannte Brennstäbe aus sei 2. Spalte nem Atomreaktor Yongbyon gewonnen zu haben. Mit dem Plutonium wolle es sein Atomarsenal weiter ausbauen. Für Zhang ist die Lage eindeutig: Den USA und Japan blieben keine andere Option, als Nordkoreas Atomaufrüstung vor die UN zu bringen.

Konfrontation

"Das ist so unvermeidbar, wie die zu erwartende Verurteilung Nordkoreas durch die internationale Gemeinschaft." Beides könnte schon im September und Oktober passieren. Peking hätte keinen "guten Grund", um dagegen zu stimmen. "Wir organisierten die Sechsergespräche. Pjöngjang stieg aus ihnen aus. Wir wollen keine Konfrontation. Pjöngjang hat darauf hingearbeitet." Die USA würden auf wirtschaftliche Sanktionen drängen. Zu einem Boykott Nordkoreas könnte es im November kommen.

Ein Zusammenstoß USA und Nordkorea sei dann nicht mehr aufzuhalten. Zhang stellt sich mit seinen pessimistischen Erwartungen in Gegensatz zu den Hoffnungen der Pekinger Regierung. Diese setzt weiterhin auf eine Verhandlungslösung. Die Rückkehr zu den Sechs-Parteien-Gesprächen sei "der einzige Weg, das Atomproblem zu lösen", so das Außenministerium. Yang Xiyu, ein hoher Beamter, meinte am Freitag: "Ein Hauptgrund für die erfolglosen Bemühungen liegt in der mangelhaften Zusammenarbeit seitens der USA." (DER STANDARD, Printausgabe, 14.5.2005)

Johnny Erling aus Peking
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