Drastische Verschlechterung der Lebensqualität

18. Mai 2005, 06:53
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Studie zeichnet düsteres Bild - Zugang zu sauberem Wasser und Elektrizität gesunken

Bagdad - In den zwei Jahren seit Beginn des Irak-Kriegs hat sich die Lebensqualität der Bevölkerung drastisch verschlechtert. Heutzutage haben weniger Menschen Zugang zu sauberem Wasser oder Elektrizität als unter dem gestürzten Staatschef Saddam Hussein. Auch leidet fast ein Viertel irakischer Kleinkinder unter chronischer Mangelernährung. Dies ist das erschreckende Ergebnis einer Studie des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) und des irakischen Planungsministeriums.

"Auf den Punkt gebracht, zeichnet die Studie ein recht tragisches Bild von der Lebensqualität", resümiert der zuständige Minister Barham Saleh. Die Betroffenen pflichten ihm bei: "Wir haben noch nicht einmal eine zehnprozentige Verbesserung erlebt", sagt der Ladenbesitzer Mohammed Najm über die Infrastruktur in Bagdad. Außerhalb der Hauptstadt sieht die Lage offensichtlich noch viel düsterer aus.

Häufige Stromausfälle

Die Studie basiert auf der Befragung von 21.688 Haushalten in 18 Provinzen. Demnach klagten 84 Prozent über häufige Stromausfälle. So habe die Elektrizitätsversorgung vor dem Irak-Krieg rund 20 Stunden am Tag funktioniert. Heute seien es höchstens zehn Stunden, die sich in der Regel auf mehrere Zwei-Stunden-Blöcke verteilten.

Als noch schlimmer empfanden die Betroffenen der Erhebung zufolge die Trinkwasserversorgung. Nur 54 Prozent hatten hier unter keinen Einschränkungen zu leiden, 1980 waren es noch 75 Prozent. Auch verfügen nur 37 Prozent der irakischen Haushalte über angemessene sanitäre Einrichtungen einschließlich einer funktionierenden Abwasserentsorgung.

Um die Bevölkerung menschenwürdig unterzubringen, müssten 1,5 Millionen neue Wohneinheiten gebaut werden, heißt es in der Studie weiter. Schließlich müsse eine bessere Lebensmittelversorgung gewährleistet sein. Fast ein Viertel aller Kinder von sechs Monaten bis fünf Jahren leidet den Angaben zufolge an Mangelernährung. Und viele Mütter sterben bei der Geburt ihrer Kinder, weil das Gesundheitssystem mangelhaft ist.

Hinzu kommen Probleme bei der Verteilung der von den USA gewährten Wiederaufbauhilfen. So ist der Verbleib von fast 100 Millionen Dollar für Entwicklungsprojekte im südlichen Irak nicht mehr ganz klar nachzuvollziehen, wie Ermittler der irakischen Regierung unlängst einräumten. All dies wird das Vertrauen der Bevölkerung in die Behörden bestimmt nicht steigern und ihr Leid nicht mindern.

Planungsminister Saleh macht zwar in erster Linie kriegerische Auseinandersetzungen, ökonomische Misswirtschaft und gesellschaftliche Unterdrückung unter Saddam Hussein für die derzeitige Misere verantwortlich. Tatsächlich galt der Irak in den 70er Jahren als Musterland in der Region mit einer guten Infrastruktur und einem angemessenen Gesundheits- und Bildungssystem. Der Machtübernahme von Saddam Hussein im Jahre 1979 folgte jedoch schon bald ein acht Jahre langer Krieg gegen den Iran, der die Wirtschaft zum Erliegen brachte.

Im August 1990 marschierten irakische Truppen dann in Kuwait ein, was den ersten Golfkrieg auslöste. Seitdem war das Regime in Bagdad internationalen Sanktionen ausgesetzt, unter denen zuerst die Bevölkerung zu leiden hatte. Und nach der Militärinvasion der USA und ihrer Verbündeten im März 2003 hat sich die Lage nun noch weiter verschlechtert. Ein Aufschwung scheint indessen unmöglich, solange die Aufständischen alles daran setzen, die am Boden liegende Infrastruktur endgültig zu zerstören. Landesweit wurden seit Anfang Mai jeden Tag durchschnittlich 70 Anschläge verübt.

Der UN-Beauftragte Staffan de Mistura versucht trotz allem, Optimismus zu verbreiten. Ohne die Hilfen der internationalen Gemeinschaft und das Engagement der neuen irakischen Regierung wäre die Lage noch viel schlimmer, betont er. Für die Betroffenen ist dies wohl nur ein schwacher Trost. Kadhim Hatem, ein weiterer Ladenbesitzer aus Bagdad, verweist hier auf einen Teufelskreis: Solange die Lebensqualität der Bevölkerung nicht steige, hätten die Aufständischen weiterhin Zulauf. "Wenn die Leute Arbeit haben, lassen sie sich nicht mehr rekrutieren", meint Hatem. (APA/AP)

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