Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach ...

23. Mai 2005, 13:46
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Entscheidungsfindung: Länge der Wartezeit auf ein Ergebnis scheint wichtigere Rolle zu spielen als die Größe der Belohnung

Bochum- Die Länge der Wartezeit auf ein Ergebnis spielt bei Entscheidungen von Tier und Mensch offenbar eine wichtigere Rolle als die Größe der Belohnung. Dies fanden Wissenschafter der Ruhr-Universität Bochum in Zusammenarbeit mit Forschern der University of Otago in Neuseeland heraus. Dies lasse Rückschlüsse auf Erkrankungen wie Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, Spielsucht, Drogenmissbrauch oder Vorgänge bei Hirnschäden zu. Den Betroffenen sei ein besonders impulsives Verhalten gemein, sie tolerierten weniger lange Wartezeiten als gesunde Menschen, erklärten die Experten.

10.000 Dollar sofort oder 100.000 Dollar in zehn Jahren - die meisten Menschen würden sich für ersteres entscheiden, sagte der Biopsychologe Tobias Kalenscher. Der Mensch wähle - ebenso wie Tiere - eher die kleinere Belohnung als auf eine größere zu warten, wenn die Wartezeit vor der großen Belohnung zu lange dauere.

Auch Tauben warten nicht ewig

Der Forscher fand eine Erklärung für dieses Verhalten in der Aktivität der Nervenzellen des Frontalhirns. Kalenscher experimentierte mit Tauben, um den Grund für das Treffen bestimmter Entscheidungen herauszufinden. Er habe ihnen zwei Pickscheiben hingestellt. Pickten sie die eine, erhielten sie eine kleine Belohnung, pickten sie die andere, bekamen sie eine große.

So lange die Wartezeiten gleich groß gewesen seien, hätten die Tiere stets die größere Belohnung gewählt. Dann habe der Forscher die Wartezeit auf die größere Belohnung verlängert: "Bis zu einem gewissen Punkt wählten die Tauben weiterhin die größere Belohnung, doch irgendwann entschieden sie sich doch für die kleine." Die Länge der Wartezeit, ab der sich die Tiere umentschieden, sei individuell sehr unterschiedlich zwischen 2,5 und 28 Sekunden gewesen.

Aktivität von Nervenzellen entscheidend

Um das Verhalten der Tauben zu erklären, habe der Biopsychologe während des Experiments die Aktivität einzelner Nervenzellen im Frontalhirn der Tiere aufgezeichnet. "Von dieser Hirnregion war bisher nur unspezifisch bekannt, dass sie bei der Erwartung und Reaktion auf Belohnung eine Rolle spielt. Fraglich war jedoch, auf welche Weise sie dies tut", erklärte Kalenscher. Das Ergebnis: Die Neuronen reagierten sowohl auf die Größe der Belohnung als auch auf die Wartezeit.

"Sobald die Tauben auf die Scheibe gepickt hatten, feuerten die Nervenzellen", erklärt der Forscher. Aber je länger die Wartezeit gewesen sei, desto geringer sei ihre Aktivität gewesen. An dem Punkt, an dem die Aktivität der Nervenzellen bei großer Belohnung durch die lange Wartezeit geringer geworden sei als bei der sofortigen kleineren Belohnung, hätten sich die Tiere für die kleine Belohnung entschieden. "Die Neuronen schienen also die subjektive Interpretation der erwarteten Belohnung unter Berücksichtigung der Belohnungshöhe und Wartezeit zu koordinieren", unterstrich der Biopsychologe. (APA/AP)

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