Historiker: "Abwehrkampf bestimmt Geschichtskultur"

12. Mai 2005, 20:02
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Karl Stuhlpfarrer sieht die Gründe für den neuen Ortstafelkonflikt vor allem im offiziellen Geschichtsbild Kärntens begründet - STANDARD-Interview

Dieses Geschichtsbild sei vor allem vom völlig überschätzten Abwehrkampf geprägt.

STANDARD: Wie erklären Sie als Historiker die Emotionen in der Ortstafelfrage?

Stuhlpfarrer: Ich bin mir nicht ganz sicher, was in Neuhaus passiert ist. Es gibt dort offensichtlich eine Gruppe von 30, 40 Leuten, die einen Wirbel gemacht haben, weil plötzlich - nach 30 Jahren - eine zweisprachige Ortstafel aufgestellt wird. Nun gibt es für mich zwei Erklärungsmöglichkeiten: Entweder die Leute sind so tief in die emotionalen Deutschkärntner Strukturen eingebunden, dass sie es von sich aus gemacht haben. Oder, und das scheint mir näher liegend: Es gibt ja diese Differenz zwischen Heimat- und Abwehrkämpferbund, und die könnte genützt worden sein, um gleichzeitig die Auseinandersetzung zwischen alter FPÖ und BZÖ zu führen.

STANDARD: Aber warum gehen gerade in dieser Frage noch immer so die Emotionen hoch?

Stuhlpfarrer: Es ist ja nicht überall ein Streitthema, das muss man auch sehen. In Ferlach oder Ludmannsdorf ist es kein Problem. Da hat es in den letzten Wochen sehr gute Diskussionen gegeben, die eher die Fronten innerhalb der Volksgruppen gezeigt haben. Also, ich halte es nicht für falsch, wenn die Leute in den Orten miteinander reden, sondern ich frage mich: Warum ist das nicht längst geschehen?

STANDARD: Andererseits sieht man, dass sich die Begeisterung über die Tafeln auch dort in Grenzen hält, wo darüber gesprochen wird. Warum ist das Thema noch immer so heiß?

Stuhlpfarrer: Weil es in Kärnten eine Geschichtskultur gibt, die bestimmt ist von Abwehrkämpfen und Diskussionen über jugoslawische Gebietsansprüche - in einer asymmetrisch einseitigen Weise. Ich habe ein Interview gehört, wo ein Mann sagt: Wenn man den Slowenen den Finger gibt, wollen sie die ganze Hand. Das ist genau die Einstellung, die meint, den Slowenen sei viel gegeben worden. In Wirklichkeit haben sie aber nichts bekommen. Die Slowenen werden als Unruhestifter hingestellt: Wenn sie immer verlangen müssen, was sie nicht bekommen, ist das eine sehr einseitige Darstellung.

STANDARD: Aber warum gibt es noch immer so viele Junge, die auf den Schmäh einsteigen?

Stuhlpfarrer: Weil im offiziellen Geschichtsbild des Landes diese Abwehrkämpfermentalität enorm dominiert. Schauen Sie sich die Volksabstimmungsfeiern an: Nicht der demokratische Akt wird betont, nicht, dass hier erstmals Frauen wählen durften. Betont werden die Kämpfe, und zwar in der fast größenwahnsinnigen Vorstellung, dass durch diese Kämpfe die Pariser Friedenskonferenz veranlasst wurde, das Abstimmungsgebiet bei Kärnten zu belassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.05.2005)

Von Samo Kobenter

Zur Person

Der gebürtige Wiener Karl Stuhlpfarrer ist Historiker und lehrt seit 1999 an der Uni Klagenfurt. Er ist Dekan der kulturwissenschaftlichen Fakultät und leitet die Abteilung für Zeitgeschichte.
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