Porsche

16. Mai 2005, 19:13
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Es war soeben. Beim Heimfahren. Und wenn ich doch noch einen kleinen, lauten Rumms hören sollte ...

Es war soeben. Beim Heimfahren. Und wenn ich doch noch einen kleinen, lauten Rumms hören sollte und dann ein kleiner Atompilz schräg hinter dem Flakturm aufsteigt, werde ich wissen, dass der Porsche-Fahrer doch noch explodiert sein wird.

Denn das Setting war klassisch: Auf der Mariahilfer Straße stauten sich die Autos stadtauswärts – und auf dem Radstreifen zog ein Rad nach dem anderen gemütlich-zügig vorbei.

Die meisten Autofahrer trugen es mit Fassung. Die einen, weil sie eben keine andere Wahl und etwas zu transportieren hatten: Kleine Kinder. Einkäufe. Architekturmodelle. Die anderen, weil sie sich in ihr Schicksal ergeben hatten – und es ihnen nicht mehr einfällt, dass sie zwar allein, aber eben doch langsamer sind, als in der U-Bahn. Oder sogar zu Fuß.

Staupanorama

(Immerhin, sagt mein Autofahrerfreund G., könne er im Auto in der Nase bohren – und all den Tiefsitzjeans-Stringtangapöpschen, die an ihm vorbeiradeln nachgucken, ohne jemanden zu gefährden. Das hat zwar was, gehört heute aber nicht hierher)

Manche Autofahrer – meist die mit den teuren und/oder geländegängigen Angeberautos – versuchen sich zu wehren. Und blockieren den Radstreifen. Aber wenn der dritte Radler „zufällig“ ihren teuren rechten Rückspiegel schnalzen lässt und sie feststellen, dass sie den Bösewicht nie mehr einholen werden, geben sie auf – und beschränken sich darauf, hochtourig im Stau zu stehen.

Standgaskonzert

Der Porschemann dürfte zu dieser Kategorie gehören. Er stand mit offenem Verdeck hinter einem Lieferwagen, klopfte nervös an der Oberkante der Windschutzscheibe und stieg rhythmisch aufs Gas. Wenn die Kolonne einen Zehnmeter-Ruck machte, sprang er mit quietschenden Reifen los – und kam quietschend wieder zum Stillstand.

Ich stand am anderen Straßenrand, schnallte mein Rad von einem Bügel – und war ehrlich beeindruckt: Auf so einer kurzen Strecke hätte ich das nicht geschafft. Schon gar nicht absichtlich. Drei Wägen vor dem Porsche fuhr ein Bus in die Station ein. Der Verkehr zuckelte ein bisserl vorbei – und kam wieder zum Stillstand.

Öffi-Vorrang

Der Bus setzte den Blinker, scherte aus – und der Porsche versuchte sich vor zu drängeln. Der Busfahrer ignorierte den sportlichen Rauhlederhandschuhträger – und beharrte auf seinem Vorrang. Der Porscheonkel legte – aus fünf km/h – eine akustisch echt eindrucksvolle Vollbremsung hin. Dann begann er zu toben.

Er schrie und fuchtelte. Er warf seine Zigarette aus dem Wagen in Richtung Bus (und traf die eigene Motorhaube) und spuckte sogar (seitlich aus dem Fenster) zum Bus hin. Der Busfahrer lehnte sich aus seinem Fenster und erklärte – laut aber höflich – dass er Porschemann exklusiv verrate, dass vor ihm Bus mitnichten eine autolose Rennstrecke läge.

Problemsuche

Der Porschemann richtete sich auf, brüllte und drohte mit der Faust. Der Busfahrer fragte – höflich – ob sein Problem wirklich im Straßenverkehr läge. Ein paar Radfahrer überholten den stehenden Porsche. Dank des schräg stehenden Busses in der Fahrbahnmitte. Ein Mädchen (G. hätte seine Freude gehabt) antwortete dem Busfahrer lachend, laut und anstelle des Porschemannes. Sie glaube, rief sie, zu wissen, wo das Problem läge. Und es dürfe nicht allzu groß sein. Das sei ja das Problem: Ziemlich klein. Sie hob eine Hand und zeigte wie klein. Der Busfahrer wieherte. Der Porschemann lief rot an, schlug auf die Hupe und emitierte Unflat.

Das Mädchen am Rad drehte sich um: Er solle sich beruhigen, rief sie dem krebsroten Mann fröhlich zu. Sie sei zwar schlecht im Schätzen von Entfernungen, wäre aber bereit, sogar an Eides statt anzugeben, dass sie den zündholzgroßen Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger für 30 Zentimeter halte. Mindesten. Denn der Tag sei einfach zu schön, um einen Mann wie ihn traurig zurück zu lassen.

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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