Vom Unbehagen am deutschen Mahnwesen

12. Mai 2005, 20:12
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Oder: Vive le Sabotage! - Eine Erwiderung auf Stemmt euch dagegen! - Ein Kommentar der anderen

Liebe Freunde in Deutschland, die Ihr uns Franzosen neulich mit einem offenen Brief in Le Monde zu agitieren versuchtet, es ist ja jetzt Mode geworden, über Landesgrenzen hinweg Mahnschreiben zu schicken, wenn irgendwo gewählt oder abgestimmt wird, und besonders Ihr lieben Deutschen seid ja in Eurem Element, wenn es darum geht, den Menschen in aller Welt politische Belehrungen zu erteilen. Schon den US-Präsidenten hättet Ihr am liebsten selber gewählt - und gewiss, in diesem Fall waren wir sogar einer Meinung mit Euch. Allerdings möchten wir bei unserem bevorstehenden Referendum über die europäische Verfassung doch gern allein entscheiden.

Herzlichen Dank also für Euer Interesse und die penetrante Einmischung in unsere nationalen Angelegenheiten. Denn, nicht wahr: Noch sind es unsere nationalen Angelegenheiten - und genau das ist der Punkt, um den es bei der Europadiskussion eigentlich geht. Ihr Deutschen wollt dieses Großeuropa, weil Ihr eine grässliche Geschichte abzubüßen habt, die den Namen Deutschland trägt. Wir Franzosen aber sind stolz auf unsere Nation, zumindest haben wir für sie noch immer ein paar gute Gefühle, und das ist Euch zutiefst unangenehm. Ihr warnt uns vor einer Kapitulation der Vernunft, wenn wir zu dem 500 Seiten langen Paragrafenwerk mit Namen Europäischer Verfassungsvertrag nicht Ja und Amen sagen. Aber dürfen wir Euch vielleicht daran erinnern, dass wir es waren, die überhaupt als erste die politische Herrschaft der Vernunft kennen gelernt haben? Sie hieß Terror und hat vor mehr als zwei Jahrhunderten eine Menge Blut gekostet. Doch das nur am Rande. Wir sind noch immer unvernünftig genug, unsere Wut von Fall zu Fall an unseren Politikern auszulassen. Das solltet Ihr übrigens auch; es würde Eurer demokratischen Kultur sicherlich gut tun.

Chuzpe

Apropos Demokratie: Ihr scheint ja selbst nicht das größte Vertrauen in die politische Reife Eurer Landsleute zu haben, sonst würdet Ihr - so wie wir - mit einem Referendum über die Europäische Verfassung befinden, statt die Sache im Bundestag von einer im Voraus feststehenden Mehrheit zementieren zu lassen. Ihr fürchtet natürlich, dass das Volk ganz anders entscheiden würde als das Parlament. Und da wagt Ihr, uns großspurig darauf hinzuweisen, dass "Angst stets ein Signal der Schwäche" sei!

Was habt Ihr überhaupt für eine Vorstellung von Wert und Funktion einer Verfassung? Wir erinnern uns noch gut an Zeiten, da Briefträger und Lokomotivführer bei Euch Berufsverbot erhielten, wenn Zweifel an ihrer Verfassungstreue bestanden. Das kam uns stets unheimlich vor. Genauso unheimlich ist uns jetzt ein monströser technokratischer Verfassungstext, den niemand kennt und niemand braucht, denn das Kommerzeuropa funktioniert bekanntlich jetzt schon, und das Kultureuropa wird mit der Brüsseler Zentralverwaltung nie auch nur das Mindeste zu tun haben.

Und noch etwas: Bitte hört auf, Euch weiterhin mit diesem Götterdämmerungsgerede in Bezug auf unser "Non" am Monatsende lächerlich zu machen. Wenn wir Nein sagen, dann haben sich ein paar Politiker eine Zeit lang umsonst echauffiert, aber darüber hinaus wird nichts Welterschütterndes passiert sein. Wir pflegen ab und zu unser ganzes Land mit Streiks und Lastwagenblockaden stillzulegen, doch hinterher geht die Arbeit weiter, und die Lkws ziehen wieder ihrer Wege.

Das gehört eben auch zu unserer Kultur, dass wir ein bisschen Spaß an der Sabotage haben. Auch Ihr Deutschen solltet nicht immer alles so ernst nehmen: Stimmt doch im Bundestag einfach einmal gegen diese blödsinnige Verfassung! (DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2005)

Zur Person

Jean-Luc Tintin alias Burkhard Müller-Ullrich, in Köln lebender Publizist und Mitarbeiter der Autorengemeinschaft "Achse des Guten"

Der Philosoph Jürgen Habermas hat zum Thema unter dem Titel "Das illusorische Nein der Linken" auch eine Polemik im "Nouvel Observateur" veröffentlicht - auf Deutsch nachzulesen bei perlentaucher.de

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