Stemmt euch dagegen!

12. Mai 2005, 19:06
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Auszug aus einem vor Kurzem in "Le Monde" publizierten Appell deutscher Intellektueller (verfasst von Klaus Harpprecht, unterzeichnet u. a. von Jürgen Habermas, Wolf Biermann, Günter Grass) an Frankreichs EU-Skeptiker - Ein Kommentar der anderen

Liebe Freunde! Mit Beunruhigung beobachten wir die Verfestigung des populistischen Nein gegen die Europäische Verfassung. Will sich die Mehrheit der Franzosen in den Bunker der Rechtsnationalisten und der Linksnationalisten verkriechen? Das wäre eine Kapitulation der Vernunft. Stemmt euch dagegen, dass Frankreich den Fortschritt verrät! Die Konsequenzen der Ablehnung wären eine Katastrophe für das Einigungswerk, dem wir eine Epoche des Friedens von mehr als einem halben Jahrhundert verdanken; für eure deutschen Nachbarn, die gelernt haben, dass Europa nur mit Frankreich geschaffen werden kann; für die neuen Mitglieder der Union, die von Frankreich nicht zwischen Deutschland und dem russischen Imperium allein gelassen werden dürfen; für das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten, das nur durch ein gestärktes Europa sein Gleichgewicht finden wird; für Frankreich, das in die Isolierung geriete.

Die Verfassung erfüllt nicht alle unsere Ideale. Sie ist ein ehrlicher Kompromiss. Sagt euren Landsleuten, dass es eine Torheit wäre, die Verfassung für ihren Groll gegen die Regierung büßen zu lassen. Europa kann eure Regierung, eure Parteien, Unternehmer und Gewerkschaften zu produktiverem Handeln zwingen. Sagt euren Landsleuten, dass Angst stets ein Signal der Schwäche ist. Als Spanien, Portugal, Irland und Griechenland der Union beitraten, lag das Lohnniveau dieser Länder um mehr als fünfzig Prozent unter dem der Franzosen. Inzwischen wurde fast ein Gleichstand erreicht: Die Produktivität der neuen Mitglieder öffnete uns allen Märkte, die Arbeitsplätze schufen.

Europa fordert Mut. Ohne Mut kein Überleben. Nicht für Frankreich. Nicht für Deutschland. Nicht für Polen. Für keines der Mitglieder der Europäischen Union, die mit ihrer Verfassung den Traum von Jahrhunderten erfüllt. Wir sind es den Millionen Opfern unserer Kriege und der Diktaturen schuldig. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2005)

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