Akustische Diätkost

12. Mai 2005, 18:39
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Das Kammerensemble Neue Musik Berlin im Wiener Konzerthaus

Wien - Auf dem luxuriösen Festivalkreuzer Wiener Festwochen kann sich der Festwillige gleich auf mehreren Entertainment-Decks unterhalten lassen; wer nach Ohrenschmaus lechzt, kann dasjenige des 32. Internationalen Musikfestes frequentieren.

60 Jahre nach dem Zusammenbruch der alten, unseligen wird hier eine neue Achse Wien-Berlin geschmiedet, in einem kleinen Eckerl des weitläufigen, prachtvoll ausgestatteten Decks wird versucht, mit "Musik der Gegenwart" zu bezirzen: mit dem Klangforum Wien etwa (31. 5.), dem ensemble recherche (3. 6.) oder, gleich zu Beginn, mit dem Kammerensemble Neue Musik Berlin.

Dieses eröffnete mit dem Werk "Acre Blocks (Würgatzel)" des Australiers Thomas Meadowcroft, einem in mittelgrauem Mezzoforte dahinsiechenden Geblöke, Getute und Geflöte von Altflöte, Es-Tuba, Englischhorn und Klarinette, das Assoziationen an eine recht depressive Figur aufkommen ließ.

Dann Qualität

Ebenfalls streng der dynamischen Diätkost verpflichtet dann Beat Furrers "a due" für Viola und Klavier: Schwarz bekleidet und schwarz bemient plantschten zwei Musikerinnen hier in einem unsinnlichen, kalten Tontröpferlbad, duellierten sich im gefühlskahlen Notenpark mit sich ergänzenden Rhythmen.

Wenn denn so Musik der Gegenwart klänge, hieße es in Vergangenheit oder Zukunft flüchten, augenblicklich. Richard Barretts "Codex VI" bot dann vor der Pause endlich künstlerische Qualität, also: Präzision, Dichte und Variabilität einer künstlerischen Idee wie auch deren überzeugungskräftige Darstellung (der Komponist selbst leitete das Ensemble). Zu Beginn als akkurat designtes Akustikspäßchen daherklingend, wandelte sich das Werk für Stimme (Spitze: Ute Wassermann), Klarinette, Bassklarinette, Tuba, Violine und Live-Elektronik zum Schaurigen hin, um final in einem tollen Duett einer schnaubenden Tuba und einer quietschverzweifelten Geige zu verenden.

Postpausal enttäuschte Pierluigi Billones "ME.A.AN": reichlich korrespondierendes, interagierendes Geräuschieren von Stimme und Ensemble, jedoch insgesamt fahrlässig stimmungs- und farbschwach.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.5.2005)

Von Stefan Ender
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