Vertriebene und Zuwanderer

12. Mai 2005, 18:24
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Österreich sei kein Einwandererland, heißt es. Aber zwölf Prozent der Einwohner sind Migranten. Wie geht man damit um?

Die Debatte um die österreichische Identität hat zwei Lücken. Nur wenige reden noch über das, was wir dadurch an intellektuellem Potenzial verloren haben, dass so viele in der Nazizeit vertrieben oder umgebracht wurden bzw. dass das Nachkriegs-Österreich die Vertriebenen in einer stillen gesellschaftlichen Übereinkunft nicht mehr heimholte. Die Vertriebenentragödie hat sich aus historischen Gründen fast erledigt. Die von den Nazis unter dem Beifall großer Teile der Bevölkerung beraubten und hinausgejagten Mitbürger ("Der Jud muss weg, aber sein Gerschtl bleibt da!") kommen höchstens als betagte Nostalgietouristen zurück. In den Zeugnissen der Literaten, die sich nach Österreich und Wien verzehrten (siehe Kasten unten) kann man noch erkennen, was man verloren hat. Und was man nach dem Krieg nicht zurückholen wollte, weil die Mittelmäßigen ihre warmen Sessel nicht hergeben wollten.

Die jüdische Zuwanderung nach Wien um die vorige Jahrhundertwende war großteils eine des sozialen Aufstiegs. Es kamen arme Juden aus dem Osten der Monarchie, die nächste Generation stellte schon Kaufleute, Industrielle, Bankiers, Künstler, Ärzte, Rechtsanwälte. Die Einwanderer von heute aus Exjugoslawien, der Türkei und Osteuropa verharren aber mit einigen Ausnahmen wie Attila Dogudan (Do & Co, geb. in Istanbul) oder Boris Nemsic (Mobilkom, geb. in Sarajewo) auf einer niedrigen sozialen Stufe – auch deshalb, weil man sie zu lange als "Gäste" betrachtet hat, die man nicht integrieren, und das heißt auch fördern, muss, weil sie ohnehin wieder gehen.

Die statistische Realität ist eine andere: 2002 und 2003, die letzten Jahre, wo Zahlen der Statistik Austria vorliegen, hat sich die Zahl der Einwohner Österreichs (8,14 Millionen) durch Zuwanderung um insgesamt 75.000 Personen erhöht. Der Anteil der Migranten (nicht in Österreich Geborenen) an der Gesamtbevölkerung lag Ende 2004 bei rund zwölf Prozent, also etwa 980.000. Während die schwarz-blaue Koalition eine restriktive Einwanderungspolitik betrieb und betreibt (worunter u. a. auch die jüdische Gemeinde leidet), begann besonders die Stadt Wien, aber auch etwa Ober- und Niederösterreich mit massiven Einbürgerungen. 2003: 45.000, 2004: 42.000 Personen ins^gesamt.

Was aber denken die "eingesessenen" Österreicher mehrheitlich darüber? Für 56 Prozent ist die derzeitige Ausländerpolitik "zu liberal" (Imas 2005), volle 65 Prozent betrachten die Einwanderer als "Belastung" (Imas 2004), und nur neun Prozent halten sie – wider alle wirtschaftliche Realität – für einen "Nutzen".

Nicht sehr ermutigend, obwohl die Akzeptanz in der Alltagswirklichkeit wahrscheinlich um einiges größer ist. Aber es wird über das Problem kaum seriös diskutiert. "Wien darf nicht Istanbul werden ist Unsinn", sagt der Historiker Oliver Rathkolb. "Teile von Wien sind es schon." Die Frage sei ungelöst, "wie sich das alternde Europa definiert, wenn es gleichzeitig einen starken Immigrationsdruck gibt. Selbst wenn man jetzt sagt, Europa ist ein Einwanderungskontinent, braucht man auch eine entsprechende gesellschaftspolitische, bildungspolitische, kulturelle Auseinandersetzung." Einerseits sind die Österreicher – wie andere Europäer auch – mit Einwanderung konfrontiert, andererseits mit einer größeren Identität in der EU. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.05.2005)

Von Hans Rauscher
  • Installation eines deutsch-türkischen Künstlers im Museumsquartier: Mehrheit hält Zuwanderung für Belastung.
    foto: standard/robert newald

    Installation eines deutsch-türkischen Künstlers im Museumsquartier: Mehrheit hält Zuwanderung für Belastung.

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