Nurten Yilmaz: "Ich fühle mich als Wienerin"

13. Mai 2005, 06:31
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Die Türkei habe ein Recht auf den EU-Beitritt, meint die tür­kischstämmige Wiener SPÖ-Landtags­abgeordnete im STANDARD-Interview

Im Gespräch mit Bernhard Madlener definiert Nurten Yilmaz sich als begeisterte Ottakringerin.

STANDARD: Wann wurden Sie in Österreich eingebürgert?

Yilmaz: Ich war relativ alt, knapp unter dreißig. Es war teuer, aber man setzt da Prioritäten. Im Nachhinein war es das Gefühl, etwas zu legalisieren: Jetzt mache ich es amtlich. In erster Linie fühle ich mich als Wienerin, fange aber immer mehr an, mich als Ottakringerin zu definieren. In urbanen Gebieten ist es vermehrt so, dass sich Leute mit ihren Grätzeln identifizieren.

STANDARD: Plakate fordern "Wien darf nicht Istanbul werden". Berührt Sie das auch ob ihrer Wurzeln?

Yilmaz: Das ist rein rassistisch. Natürlich habe ich mit Leuten zu tun, die es persönlich nehmen, deswegen setze ich mich besonders damit auseinander. Aber wenn da stehen würde, "Wien darf nicht Bogotá" werden, wäre es nicht anders zu be- und verurteilen.

STANDARD: Was halten Sie als Muslimin von der Diskussion, ob ein christliche Erbe in der EU-Verfassung verankert wird?

Yilmaz: Das gehört nicht dorthin. Europa hat eine Mehrheit christlichen Glaubens, aber seine Werte definieren sich anders, und deswegen fühle ich mich auch als Europäerin. Mein österreichisches Bewusstsein ist mit dem europäischen verbunden und parallel gewachsen. Egal, welche Religion oder Wertegemeinschaft – es hat keinen Sinn, so etwas hineinzuschreiben.

STANDARD: Was sagen Sie zum Thema "Zwangsehen"?

Yilmaz: Das ist abzulehnen. Nur: All zu oft geht der Unterschied zur arrangierten Ehe unter. Fast jede türkische Ehe ist arrangiert, aber es darf nicht über den Köpfen der Betroffenen passieren. Das ist auch in der Türkei strafbar!

STANDARD: Gibt es in Wien ein Problem mit Zwangsehen?

Yilmaz: Ein Problem ist es ab dem Moment, wo Leute betroffen sind und nicht wissen, was sie tun sollen. Da möchte ich, dass die Stadt dahinter steht, berät und aufklärt, wie man sich wehren kann. Wenn ich aber lese, dass jede fünfte Beziehung im deutschsprachigen Raum durch Partnerins^titute und Internet geknüpft wird, dann ist das nur eine andere Form des Arrangements, wo die Beteiligten dafür bezahlen. In der Türkei gibt es das nicht.

STANDARD: Wenn Sie sich in der europäischen Identität finden, ist das auch eine Abgrenzung von Amerika oder Asien?

Yilmaz: Die Uridee der EU hatte handfeste, sachliche Argumente, warum das passieren soll – ohne zu wissen, kommen wir hin oder nicht. Da legte man fest: Gleichheit, Gerechtigkeit, keine Kriege – ein gemeinsames Dach finden. Ich fühle mich wohl unter diesem europäischen Dach. Das ist keine Ausgrenzung Südamerikas oder Australiens. Die definieren sich selbst.

STANDARD: Der EU-Beitritt der Türkei ist absolut offen. Rein geografisch gesehen wäre die Sache schnell geregelt...

Yilmaz: Die EU definiert sich nicht geografisch, und die Türkei hat allemal, auch geschichtlich, das Recht zum Beitritt. Die EU schreibt allen Ländern vor, sich Dinge anzueignen und vorzulegen. Die Türkei will es ernsthaft und wird es schaffen – und dann sei sie uns willkommen.

STANDARD: Haben Sie Tipps für Einwanderer, um schnell Österreicher zu werden?

Yilmaz: Da gibt es kein Rezept, jeder braucht seine Zeit, das passiert irgendwann. Oder auch nicht. Es gibt genug Leute, die sich die Identität niemals aneignen und sich nicht über Österreich identifizieren können. Aber bei vielen passiert es – nach 5, 15 oder 25 Jahren, wie auch immer.

STANDARD: Ist die Zuwanderung für Österreich in irgendeiner Weise eine Bedrohung?

Yilmaz: Bedrohung? (lacht) Österreich sollte sich daran gewöhnen, dass es Zuwanderung nicht verhindern kann. Kein europäisches Land kann sich das aussuchen. Die Frage ist, wie man damit umgeht! (DER STANDARD, Printausgabe, 13.05.2005)

Zur Person

Nurten Yilmaz (47) wurde in Söke (Türkei) geboren und kam 1966 nach Österreich. Seit ihrem 17. Lebensjahr ist sie in der SPÖ tätig. Ab 1999 Bezirksrätin in Ottakring, 2001 zog sie in den Wiener Landtag ein.
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    foto: standard/newald
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