Leben im Verbund

12. Mai 2005, 18:33
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Die Kunsthalle zeigt 25 Positionen aktueller Kunst: "Lebt und arbeitet in Wien II"

Und präsentiert damit einen erweiterten Jugendbegriff als Abbild einer Szene, die es so natürlich nicht gibt, auch wenn sie ein Kollektiv von Kuratoren so erlebt hat.


Wien - Lebt und arbeitet in Wien II versammelt in der Kunsthalle der Stadt "25 Positionen aktueller Kunst", die allesamt eines verbindet: So wie sie präsentiert werden, arbeitet im richtigen Leben kein Einziger der nach streng demokratischen Regeln gefakten Gruppe.

Viele von denen, die da jetzt als so etwas wie ein pulsierender Organismus zusammengefasst werden, haben im wirklichen Leben nämlich überhaupt nichts miteinander zu tun. Und würden sich im wirklichen Leben selbstverständlich überhaupt nicht so lieb nachbarschaftlich, ja nachgerade verschränkt gebärden, wie sie jetzt vorgeführt werden.

Weil zum Beispiel – und da verlassen wir jetzt sofort wieder das pädagogisch gestützte Szene-Erlebnis-Terrain – es für jeden Einzelnen schlichtweg unmöglich ist, sich in so einem rundum animiert pulsierenden Schmelztiegel auch nur irgendwie zu konzentrieren: auf die eigene Arbeit, auf die eines nächsten, auf irgendetwas.

Wer bitte empfindet dutzende parallel laufende Fernseher mit jeweils unterschiedlichen Programmen, die sich selbstverständlich in einem beinharten Konkurrenzkampf untereinander befinden, als produktiv? Wer, bitte, kann sich auf Admira gegen Rapid konzentrieren, gleichzeitig das angeblich ausschließlich triebgesteuerte Leben des Dichters Schiller erfassen, während gleich nebenan der Hitler und der Speer gemeinsame Kinder mauern, und man immer daran denken muss, dass auch in Kommissar Rex ein Deutscher Schäferhund keine unwesentliche Rolle spielt? Wozu noch kommt ... Und so weiter.

Erfolgsrezept

Hauptsache, der Lärm gewinnt. Oder vielmehr ein erweiterter Lärmbegriff, der sich durchaus auch als rekordverdächtig tentakelreiches Papierungeheuer aus den Abgründen des Gedankenmeeres erweisen kann (Nikolaus Gansterer). Oder als Tauchgang an die freilich untiefe Oberfläche ( Ronald Kodritsch). Auch egal. So eine Ausstellung ist ja nun wirklich nicht dazu da, auf den einzelnen Künstler zu verweisen.

Sie dient vielmehr der Positionierung der versammelnden Institution als Kulminationspunkt der Szene. Und weiter ist so eine Ausstellung schlicht die Behauptung, dass es so etwas wie Szene überhaupt geben würde. Und man sich mit dem Erwerb eines Tickes auch sofort und intensiv inmitten des kreativen Zentrums, im Labor für Zukunft befände.

Erfunden wurde die mittlerweile ausgiebig erprobte Folie für Jugendkultur schon vor Jahren. Und rüstige Veteranen der Jugendkultur, wie die seit Dekaden frischen 62er-Jahrgänge Muntean/Rosenblum, werden sich noch gut erinnern. Ursprünglich erdacht von Hou Hanrou und Hans‑ Ulrich Obrist (und unter anderem auch 1997 in der Secession so ausgestellt), um die Entwicklungsdynamik asiatischer Städte zu illustrieren, mag nun plötzlich eine jede Metropole dem Erfolgsmodell Cities on the move entsprechen. Und so präsentiert sich eben auch Wien als pseudodemokratisch in offene Baugerüste gefasstes Durcheinander. Der Erfolgscode der beiden, recherchemeilen-bedingt, Lufthansa-Senatoren, ist allgemein verständlich geworden.

Mit beliebigen Positionen bestückbar, ergibt so ein Setting immer das gleiche Bild weltoffener dynamischer junger Erfolgkünstler, die, grundsätzlich kollektiv gesinnt, immer zu einer lustigen Spontaneität bereit sind. Dem anvisierten Besucher verspricht das Teilhabe, ein fantastisches Abenteuer im Jenseits der täglichen Wertschöpfungspflicht – mit Retourfahrschein. Dort im Prater lässt sich fein medial avanciert vorgetragene Sozialkritik genießen, dort im Prater lässt sich der Schauder persönlicher Abgründe Dritter prickelnd an, dort im Prater kann man – wie in der immer rauschenden Szene – auch Getränke konsumieren. Und wie immer im Prater bleibt den Schaustellern nicht viel anderes übrig, als gnadenlos um Aufmerksamkeit zu buhlen, die Platzverhältnisse untereinander über die Verstärkerleistung ihrer Beschallungsanlagen zu regeln, und sich darüber hinaus doch bereitwillig als Ganzes vermarkten zu lassen, als Phänomen namens Szene.

Ende und Resümee

1) Gut, dass die Kunsthalle Wien zu den wenigen Institutionen der Stadt zählt, die überhaupt noch mit lebenden Künstlern arbeiten, und intentional auch für sie.

2.) Wenn nicht räumlich streng voneinander getrennt, gilt ab sofort Kopfhörerzwang für jede Multimediapräsentation.

3.) Die Idee einer Kuratorenschaft auf demokratischer Basis ist ein Irrtum! Wenn mehrere Leute gemäß ausgeklügelter Modi darüber entscheiden, wer wo dabei ist und wer nicht, dann bilden sie keine Ausstellung, sondern ein Kondom. Zu ihrem und zum Schutz des jeweiligen Direktors. Dann ist im Notfall nämlich immer ein anderer schuld, und der Architekt sorgt ohnehin dafür, dass am Schluss alles gut ausschaut.

Und 4.): Die Jury ist kein taugliches Verfahren oder Instrument, sich der Kunst zu nähern. Künstler stellen Behauptungen auf. Das sollte man von Kuratoren auch verlangen können.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.5.2005)

Von Markus Mittringer

Link

kunsthallewien.at

Bis 4. 9.

  • Carola Dertnig, "Gemeindebau", 2005, Videostill
    foto: kunsthalle

    Carola Dertnig, "Gemeindebau", 2005, Videostill

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