Katastrophenübung in der Wiener UNO-City

13. Mai 2005, 08:55
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Ein fiktiver Unfall im rumänischen AKW Cernavoda war das Übungsszenario für die Internationale Atomenergie-Organisation

Wien - Ein fiktiver Zwischenfall in einem rumänischen Kernkraftwerk ließ am Mittwoch die Drähte zwischen der Wiener UNO-City und Bukarest heißlaufen: Bei einer groß angelegten Übung der in der hier ansässigen Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO/IAEA) wurde ein Unfall im Reaktor Cernavoda angenommen.

Im siebenten Stock des A-Gebäudes in der Wiener UNO-City herrschte am Mittwochvormittag Hochbetrieb: Um 7.00 Uhr erreichte die IAEO die Nachricht über einen "Zwischenfall" im AKW Cernavoda, der sich um 5.02 Uhr ereignet haben soll. Seitdem lief das Emergency Response Center, in dem die Informationen gesammelt und weitergegeben werden, auf Hochtouren. Alle Angaben über Wetter, Ausmaß des Unfalles oder mögliche Hilfsansuchen werden von hier koordiniert.

Stündliches Treffen der Experten

"Wir sind der Brennpunkt für Informationen", sagte der Leiter der Notfalls-, Bereitschafts- und Reaktionsabteilung in der Atomenergiebehörde, Malcolm Crick. Er ist stets am laufenden über die Entwicklungen in der Unfallgegend, die bei den stündlichen Treffen von etwa einem Dutzend Experten besprochen werden. An diesem Vormittag ist zwar noch wenig bekannt, neben den schlechten Nachrichten gab es aber auch positive Neuigkeiten: Etwa, dass das Notkühlsystem im Kraftwerk Cernavoda offenbar funktioniert. Auch der Druck in der Reaktorhülle dürfte wieder hergestellt sein, wusste Crick zu berichten.

Grobe Aufschlüsse ergeben Trajektorien

In Österreich ist die Nachricht von dem "Zwischenfall" ebenfalls rasch eingetroffen: Um 8.00 Uhr wurde die Bundeswarnzentrale verständigt, die die ersten Informationen sofort an das Umweltministerium weitergegeben hat. Dort werden mit Hilfe von Berechnungen erste Szenarien für Österreich erstellt. Grobe Aufschlüsse ergeben so genannte Trajektorien, aus denen sich ungefähr ablesen lässt, in welche Richtung sich die freigesetzte Radioaktivität bewegt. Eine genauere Berechnung erlaubt es den Behörden, die Deposition, also die Ablagerung, zu berechnen.

Später werden die Strahlendosen bestimmt, anhand derer über weitere Maßnahmen entschieden werden kann, erklärte der Leiter der Strahlenschutzabteilung, Klaus Hohenberg im Gespräch mit der APA. Im konkreten Fall gab es vorerst Entwarnung: Eine Deposition dürfte sich vom Nordosten Rumäniens bis zum Südosten Bulgariens erstrecken. Für Österreich bestand keine Gefahr.

Personenevakuierungen

Die rumänischen Behörden berichteten in der Übungsannahme von einem Feuer im Reaktorkern und einer etwa einstündigen Entweichung von radioaktivem Material. Dabei kam es zu radioaktiven Freisetzungen, die etwa eine Stunde dauerten. Laut IAEO mussten alle Personen in einem Umkreis von 15 Kilometern evakuiert werden, der Grad des Zwischenfalls hatte am Nachmittag auf der achtstufigen INES-Skala den Status fünf (""Unfall mit Risiken außerhalb des Reaktors") erreicht. Sieben wäre der größtmögliche Unfall, wie er sich etwa in Tschernobyl ereignet hatte.

Frühwarn-Abkommen

Jene folgenschwere Katastrophe, die sich 1986 in dem sowjetischen Reaktor zugetragen hatte, war auch der Anlass für das Frühwarn-Abkommen, das von der IAEO eingerichtet wurde. Demnach verpflichtet sich jedes unterzeichnende Land, Zwischenfälle in den eigenen Reaktoren, die Auswirkungen auf Nachbarstaaten haben könnten, unverzüglich zu melden. Am Donnerstag wurde die zweitägige Übung der Atomenergiebehörde abgeschlossen. (APA)

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