Lebendfalle

19. Mai 2005, 16:30
21 Postings

Mit etwas Glück könnte das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein ...

+++Pro
Von Christoph Winder

Da beißt die Maus keinen Faden ab: Sobald sich Ratten, Fliegen, Schlangen, Pandabären oder andere unerwünschte Tiere in Ihren Haushalt eingeschlichen haben, ist es höchste Zeit, an die Anschaffung einer Falle zu denken. Aber nicht an jene barbarischen Mordinstrumente, die sogar in vielen zivilisierten Weltgegenden noch in Gebrauch sind, sondern ausschließlich an eine Lebendfalle.

Mindestens drei starke Argumente sprechen für sie. Erstens ein ästhetisches: Nur mit einer Lebendfalle ersparen Sie sich die ungustiöse Aufgabe, welche etwa nach der Verwendung einer herkömmlichen Mausefalle bei der korrekten Mülltrennung anfällt (Mäusekadaver gehört in den Bio-, Falle in den Restmüll). Zweitens das ethische Argument: Wer lässt sich schon gerne Mäusemörder oder Rattenkiller heißen, zumal ja auch die Tierschutzorganisationen in dieser Hinsicht immer weniger Spaß verstehen.

Drittes Argument: Nur wenn Sie Ihre Beute lebend fangen, wird es Ihnen möglich sein, sich ein genaueres Bild von den Charaktereigenschaften des vermeintlichen Schädlings zu machen. Sehen Sie sich die Ratte in ihrer Lebendfalle doch einmal aus der Nähe an. Vielleicht handelt es sich um ein ausgesprochen stubenreines, sympathisches und witziges Exemplar, das Ihnen in einsamen Abendstunden als treuer Begleiter zur Seite stehen und das eine oder andere muntere Rattenliedlein vorfiepen wird. Mit etwas Glück könnte das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

******

Contra---
Thomas Rottenberg

Wir waren Kinder. Also grausam. Aber unsere Mütter (und Schwestern) dachten wohl tatsächlich, dass wir die Viecher wieder freilassen würden: Es war damals, als es in einem besonders heißen Sommer in der Wochenend-, Gartenhaus-und Schrebersiedlung an den Schotterteichen inmitten der Felder plötzlich vor Wühlmäusen nur so wimmelte. Unsere degeneriert-überfütterten (Stadt-)Hauskatzen lagen faul auf der Veranda - und hätten sowieso nicht gewusst, ob sie nun eigentlich Wühl- oder Spitzmäuse nicht interessierten.

Einer der Nachbarn stand mit der Luftdruckpistole im Garten - der Mann war im echten Beruf Taxifahrer und machte auf "Dirty Harry" ("Taxi Driver" kannten wir damals nicht). Im Mäuseformat halt. Wir Buben fanden das toll. Weil männlich. Aber unsere Mütter (und Schwestern) hatten Mitleid mit den Nagern. Vor allem mit denen, die sich angeschossen in irgendwelche Keller schleppten: Sie schickten uns ins benachbarte Dorf, um Fallen zu kaufen. Lebendfallen. Weil es zivilisierten Menschen entspräche, die Tiere zu fangen - und dann irgendwo auf den Feldern freizulassen. Das gehöre sich so.

Wir waren begeistert. Und nur all zu bereit, die Fallen mit ihren Bewohnern wegzubringen. Nicht einfach bis aufs übernächste Feld, sondern noch ein Stück weiter. Bis zum nächsten - noch unbeschreberten - Schotterteich. Was dort geschah? Wir waren Kinder. Also grausam. Sehr grausam. Aber unsere Mütter (und Schwestern) haben sich nie gewundert, wieso die Fallen immer nass waren, wenn wir sie zurückbrachten.
(Der Standard/rondo/13/05/2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.