Burgtheater-Zukunft: Wiener Ruhe nach dem Münchner Sturm

12. Mai 2005, 18:15
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Klaus Bachler wirft sich ins Geschäft: Saison 2005/06 präsentiert

Wien – In einem Burgtheater-"Rangfoyer"-Raum, der sich von einer üblichen Besenkammer allein durch seine Gelsenkirchener Barockapplikationen unterscheidet, saß Burg-Herr Klaus Bachler den Journalistenkohorten Rede und Antwort: gelöster Stimmung, doch die "falsche Mappe" mit sich führend. Die richtige – streng auf das Burg-Programm 2005/06 bezogene – wurde ihm eilig nachgereicht.

Bachler entbot alle Kommentare zu seinem Münchner-Oper-Avancement anno 2008/09 zwar bereitwillig, aber nicht eben aktiv auskunftswillig. Er habe in Wien prompt eine Ensembleversammlung einberufen – und sei mit seiner Entscheidung für die Bayerische Staatsoper auf "breites Verständnis" gestoßen. Opernintendanzentscheidungen müssten hinsichtlich künstlerischer Anberaumungsfristen eben früh getroffen werden – "und dann bin ich in München auch gut aufgenommen worden".

Daran schloss sich unüblicherweise eine Art heimischer Presseschau aus Bachlers Mund, mit deren Hilfe der Burg-Chef, ungewohnt dünnhäutig, noch einmal auf die fehlende Satisfaktionsfähigkeit des Wiener Institutionsdiskurses hinwies.

Er sieht sein vertragliches Vorgehen in Übereinstimmung mit geläufigen Gepflogenheiten. Er werde seinen Wiener Vertrag ausdienen, seinem möglichen Nachfolger eine freundschaftliche Übergabe ermöglichen ("Sehr im Unterschied zu meinem Vorgänger!") und entstehende Doppelgleisigkeiten im Inkubationszeitraum mit Hilfe seines Teams bewältigen.

Vielleicht gebe er Gehaltsüberzahlungen an seine (Wiener) Mitarbeiter weiter. Wie denn das alles nun sinnreich zusammenlaufe? "Erstens wächst der Mensch mit seinen Aufgaben", hub Bachler an. Punkt zwei konnte in dieser Aufzählung getrost entfallen.

Immerhin wurden künftige Argumentationsschwerpunkte des budgetär fest gefrorenen Burgtheaters ersichtlich. Verwaltungschef Thomas Drozda veranschlagt die nächstjährige Verschuldung mit 2,7 Millionen Euro. Er macht – mit Blick auf Staatsopern-Rücklagen – geltend, dass die Subventionsverteilung aus Anlass der Rechtstiteländerung nicht "gerecht" vorgenommen worden sei. Und tatsächlich wird, auf höchstem Niveau, eine Einschränkung der Burgtheater-Produktionstätigkeit allmählich spürbar.

Ein Umstand, der angesichts von Staatssekretär Franz Moraks dröhnendem Schweigen bloß wieder auf Allgemeinheiten zurückführt: "Nein, die hiesige Budgetsituation war für meine Münchner Entscheidung nicht ausschlaggebend", so Bachler. Freundlicher Zusatz: "Ich kann an der Burg ja machen, was ich will!" Gemeint war: "durchführen". Warum denn nun schon wieder Oper, Herr Bachler? Antwort: "Nach der Burg soll man kein anderes Theater übernehmen!"


Theaterkatapult in die Zukunft
"Spirit of 1955": Die Burg-Pläne für 2005/06

Wien - Das arg staatsbedenkliche "Jubiläumsprogramm" 2005/06 des Burgtheaters ist bei allen gebotenen Einschränkungen ein erstaunlich jugendliches. Bachler, der aus Anlass der Republikfeierlichkeiten "denken", aber nicht "bedenken" will, stellt im Herbst den Wiedereröffnungsspielplan von 1955 nach.

Auf Raimunds "Verschwender" (Regie: der verschollen geglaubte Stefan Bachmann) folgt die Herbstübernahme von Grillparzers "Ottokar" (Martin Kusej) aus Salzburg. Andrea Breth steuert Lessings Minna bei, Christoph Schlingensief nimmt sich unter dem Titel "Sadochrist Matthäus" der evangelischen Passionsüberlieferung durch J. S. Bach an.

Auf Goethes "Tasso" (Stephan Kimmig) folgt in Koproduktion mit der Staatsoper Mozarts "Entführung aus dem Serail". Dann ist erst einmal Schluss, denn das Haupthaus kontrahiert seine Muskeln für Schillers "Wallenstein" im Herbst 2006 (Andrea Breth).

Andere Schönheiten stecken sozusagen im Detail. Nacheinander prunkt das Akademietheater mit Ur- und Erstaufführungen von Gert Jonke, Franzobel und Lukas Bärfuss. Nicolas Stemann setzt die Serie "Wohlstand in Gefahr" mit den "Brüdern Karamasow" fort. Bauersima wird uraufgeführt, Barbara Frey feiert ihr Wien-Debüt mit "Arsen und Spitzenhäubchen".

Ganz gewiss nicht unbeachtet wird eine Hermann-Nitsch-Burgtheateraktion im November bleiben. Nicht völlig überraschend: Die Uraufführung des Menasse-Stückes ist ad acta gelegt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.5.2005)


Die Premieren im Burgtheater 05/06:

- "Der Verschwender" von Ferdinand Raimund (Regie: Stefan Bachmann) (Premiere im September 2005)

- "König Ottokars Glück und Ende" von Franz Grillparzer (Koproduktion mit den Salzburger Festspielen) (Regie: Martin Kusej) (Premiere auf der Perner Insel: 8. August 2005, Premiere im Burgtheater am 15. Oktober 2005)

- "Minna von Barnhelm" von Gotthold Ephraim Lessing (Regie: Andrea Breth) (Premiere im Dezember 2005)

- "Sadochrist Matthäus" - Prä-Animatographische Passion nach Bach von Christoph Schlingensief (UA) (Regie: Christoph Schlingensief) (Premiere im Jänner 2006)

- "Torquato Tasso" von Johann Wolfgang Goethe (Regie: Stephan Kimmig) (Premiere im Februar 2006)

- "Die Entführung aus dem Serail" von Wolfgang Amadeus Mozart (Koproduktion mit der Wiener Staatsoper) (Musikalische Leitung: Philippe Jordan, Regie: Karin Beier) (Premiere: 1. Mai 2006)

Premieren im Akademietheater:

- "Die versunkene Kathedrale" von Gert Jonke (UA) (Regie: Christiane Pohle) (Premiere: September 2005)

- "Wir wollen den Messias jetzt oder: Die beschleunigte Familie" von Franzobel(UA) (Regie: Karin Beier) (Premiere: Oktober 2005)

- "Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)" von Lukas Bärfuss (ÖEA) Regie: Thomas Langhoff (Premiere im Oktober 2005)

- "Die Brüder Karamasow" nach Fjodor M. Dostojewskij (Wohlstand in Gefahr 3) (Regie: Nicolas Stemann) (Premiere im Dezember 2005)

- "Boulevard Sevastopol" von Igor Bauersima (UA) (Regie und Bühne: Igor Bauersima) (Premiere im April 2006)

- "Arsen und Spitzenhäubchen" von Joseph Kesselring (Regie: Barbara Frey) (Premiere im Juni 2006) (APA)

Von Ronald Pohl
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