Unaussprechlich gläsern

13. Mai 2005, 10:42
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Prager Glasmenagerie - das Designerteam Olgoj Chorchoj führt eine alte tschechische Tradition zu neuen Höhen

Für Besucher ist es nicht leicht, Spuren der Moderne in Prag aufzuspüren. Obwohl sich überall in der Stadt bauliche Hinterlassenschaften des frühen 20. Jahrhunderts finden, haben sie in das Programm der touristischen Reiseführer bislang kaum Eingang gefunden. Mitten im Hafengelände muss man zwischen Buden von Gebrauchtwagenhändlern, malerischen Kleingärten und einer Großbaustelle für den künftigen Hochwasserschutz des Viertels ein wenig suchen, um den kleinen, funktionalistischen Atelierbau zu finden. Das Haus, unter Denkmalschutz, einst entworfen als Künstleratelier, dient heute als Architektur- und Designstudio.

1990, noch während ihres Studiums an der Prager Hochschule für Angewandte Künste veranstalteten Jan Nemecek (Jahrgang 1963) und Michal Fronek (Jahrgang 1966) in Südfrankreich einen Workshop des Vitra-Designmuseums und gründeten dort ihre Designer- und Architektengruppe Olgoj Chorchoj, die sich im Prager Hafenatelier niederließ und schon bald mit neuartigem Glasdesign auf sich aufmerksam machte. "Der Name bedeutet eigentlich gar nichts, doch ganz gleich wie man ihn auch ausspricht, erinnert man sich daran, er bleibt im Gedächtnis", sagt Fronek. Anhänger mysteriöser Erscheinungen verstehen unter Olgoj Chorchorj angeblich einen riesigen, todbringenden Wurm, der in der Wüste Gobi lebt, vergleichbar jenen Monstern, die einst David Lynchs Filmepos "Der Wüstenplanet" bevölkerten.

Selbstironie, wie sie auch im Ausstellungstitel der renommierten Londoner Glasgalerie Vessel deutlich wird. Dort tritt die Gruppe 2003, mittlerweile auf insgesamt neun Architekten und Designer angewachsen, schlicht als "The Unpronouncable" auf. Riesig sind die ersten, der bis heute etwa 60 Glasprojekte, die Olgoj Chorchoj realisiert. Als hätte man ihre Form von einer gewölbten Fernsehröhre abgegossen, wirkt die große Glasschale von 1997, die daher umgehend "Sony Bowl" genannt wird. Massive Objekte dieser Qualität können heute weltweit nur in den Manufakturen böhmischer Glasmacher hergestellt werden.

Spiele, Scherze, Arrangements

Es sind Spiele, Scherze, dreidimensionale, humorvolle Arrangements, mit denen die Designer ihr Publikum begeistern. Auch die großen "Pin"-Vasen von 2003, in limitierter Auflage erstellt, finden sofort Anklang in der Szene, allerdings nicht beim Hersteller Moser. Zwar konnten die Glaswerkstätten bis heute ihr einmaliges Können bewahren, andererseits sind Geschäftsleitung und Marketing der einheimischen Hersteller nicht bereit, in zeitgenössisches Design zu investieren. Viele sind durch westliche Aufträge bestens ausgelastet und denken nicht über eigene Strategien und Konzepte der Produktentwicklung nach. "Ein fataler Fehler", wie Fronek konstatiert.

Der äußerst lebendigen, tschechischen Designszene mit ihren internationalen Verbindungen steht eine vollkommen desinteressierte Industrie gegenüber, die selbst dem begrenzten Experiment mehr als abgeneigt ist. So organisieren die Designer heute die Umsetzung ihrer Entwürfe selbst und kümmern sich auch um den Vertrieb. Ihre transparenten Objekte, inspiriert gleichermaßen von der Lust am Dekor und der Begeisterung für Technik, ihre Vasen, Leuchten und Gläser finden sich heute so selbstverständlich bei dem New Yorker Designhändler Murray Moss wie bei seinem Londoner Kollegen Thorsten van Elten, jüngst auch in Tokio oder den noblen Boutiquen der Prager Innenstadt, die Olgoj Chorchoj gestalteten.

Das Innere nach außen wenden, doppelte Wände, ungewöhnliche Verbindungen schaffen: Es sind unerwartete Kapriolen, die Olgoj Chorchoj mit dem Material Glas treiben. Etwa bei der Gap-Vase für ein Projekt der französischen Designerin Matali Crasset, die Kollegen aus aller Welt zu Entwürfen für ihre Ausstellung in der Prager Kunstgalerie Gandy einlud. Ein großes, opakes Glasei schwebt in einem noch größeren transparenten Glaselement, nur an einer Stelle sind die beiden Gläser stabil miteinander verschmolzen. Doppelbödigkeit, die als Doppelwandigkeit auftritt: Nach der Twinwall-Kollektion aus dem Jahr 2000 folgen ein Jahr später Röhrenkandelaber aus hitzebeständigem Simax-Glas, das üblicherweise für Laborzwecke verwendet wird. Aus demselben Material fertigen sie ein monumentales, christliches Kreuz mit integrierten Neonröhren; installieren es in Galerien, Bars und im eigenen Studio. Nicht nur der neueste Ableger der Simax-Linie, die TP-Kollektion, kündet von der kompromisslos spielerischen Haltung der Tschechen, die inzwischen auch auf junge Gestalter aus anderen Ländern anziehend wirkt.

Zusammenstoß

Lars Kemper aus Deutschland etwa stieß bei einem der Vitra-Designworkshops in Boisbuchet auf die beiden Tschechen, kündigte seine bereits vereinbarten Jobs in Amerika und wechselte 2002 nach Prag, wo er seither in sämtliche Designprojekte involviert ist. Die Gruppe, die sich anfangs allein dem Design von Glasobjekten verschrieb, hat mittlerweile in Prag und Umgebung ein breites Betätigungsfeld. Es reicht vom modern-sachlichen Innenausbau großer, offener Wohnräume über die Einrichtung des neuesten Prada-Stores namens "Fashion Police" bis zu komplexen Architektur-Projekten für anspruchsvolle Bauherren. Längst gibt es eine Vielzahl größerer Architekturprojekte, nicht nur für den schwierigen Auftraggeber, der heutzutage gern Sportler, Musiker und Unternehmer zugleich ist, und sich bei den Ausstattungsdetails für seine weitläufige Villa partout nicht entscheiden mag. Auch die Designprojekte sind wie bereits erwähnt nicht aufs Glas beschränkt, sondern widmen sich mitunter der tschechischen Geschichte. So entstand mit Unterstützung von Olgoj Chorchoj ein verschollener Freischwingersessel der frühen 30er-Jahre neu. Entworfen hatte ihn Jindrich Halabala, die Konstruktionsdaten wurden aus einer alten Fotografie errechnet.

So trifft man auf Werke von Olgoj Chorchoj auch bei der Ausstellung "Czech 100 Design Icons", die noch bis zum 30. Mai im Stilwerk Berlin zu sehen ist. Dort zeigen sie nicht nur alte und neuste Entwürfe eigener Produktion, sondern beteiligen sich auch als Leihgeber eines wunderschönen, alten Tatra. Vielleicht macht es ja Sinn, die Prager Moderne eher abseits der Touristenströme zu erkunden, ein Bau wie die sorgfältig renovierte Villa Müller von Adolf Loos etwa ist nicht gemacht für den Billigtourismus unserer Tage. Schade allerdings, dass sich in den riesigen, bis in den letzten Winkel voll gestopften Glasshops des Prager Flughafens zwischen all den Scheußlichkeiten aus geschliffenem Kristallglas nicht ein einziger Entwurf der Designer mit dem unaussprechlichen Namen findet.
(Thomas Edelmann/Der Standard/rondo/13/05/2005)

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