37 Millionen mal eine Hand voll Dollar

20. Mai 2005, 16:51
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Las Vegas feiert 100. Geburtstag: Die Glücksspielindustrie setzt mit 37 Millionen Besuchern 8,5 Milliarden Dollar um

Las Vegas - Ein bis zum Zwerchfell geöffnetes Smokinghemd, Zigarre im Mundwinkel: Freddie Glusman sieht aus wie ein Mafioso aus dem Film. Das hat der 72-Jährige sich von den Gästen abgeschaut, die einst bei ihm ein und aus gingen. Das Piero's war einst ein Treff für Mobster. Und für Showgirls, Stars und Politiker. Ein handsigniertes Schwarz-Weiß-Foto im Hauptspeisesaal zeigt Gangsterboss Tony "die Ameise" Spilotro, Arm in Arm mit Frank Sinatra. "Das Geld der Mafia hat Vegas groß gemacht", weiß Glusman. "Ich war dabei, wie Elvis' Manager einen Vertrag über 150.000 Dollar auf einem Tischtuch unterschrieben hat!"

Aushängeschild MGM

Anfang der Sechziger verweigerte Generalstaatsanwalt Bobby Kennedy Akteuren mit Mafia-Kontakten die Kasino-Lizenz. Und ebnete damit den Aufstieg für Big Business und Wall Street, die jetzt das Zepter am "Strip" schwingen. Der fünf Kilometer lange Boulevard ist umsäumt von Megaresorts mit glitzernden Märchenpalastfassaden. Von Weitem schon sieht man den grün leuchtenden Turm des MGM-Grand. Das mit 5000 Betten größte Hotel der Welt ist zugleich Aushängeschild für die neuen Machthaber der Stadt. Die MGM-Mirage-Gruppe kontrolliert die Hälfte der Tourismusindustrie in Vegas. Vice President Alan Feldman reibt sich die Hände. "Unsere Erfolgsformel? Wir bauen immer wieder um und immer wieder neu!"

Von den alten Hotels ist nur das Flamingo geblieben, 1946 eröffnet durch Mafiastrohmann Benjamin "Bugsy" Siegel, knapp vor seinem gewaltsamen Tod. Die anderen sind abgerissen, auf ihren Ruinen: Kasino-Vergnügungspark, Ersatz-Weltreise. Die Manhattan-Attrappe hat eine Achterbahn auf dem Dach; für das Paris stürzten sie einen Mini-Eiffelturm in die Oper.

90 Prozent Auslastung

Die Auslastungsrate der Hotelbetten liegt bei 90 Prozent. Gerade hat am Strip das teuerste Hotel der Welt eröffnet, das Wynn, Kosten: 2,5 Milliarden Dollar. Parallel dazu wird das größte, privat finanzierte Immobilienprojekt aller Zeiten angeschoben: MGM plant einen Wohn- und Einkaufskomplex, dessen Fläche so groß ist wie Rockefeller Center, SoHo und Times Square in New York zusammen.

Hinter den Kulissen dominieren stets die gleichen Kasinohallen: groß wie Flughäfen, keine Fenster, keine Uhren, kein Tageslicht, die klimatisierte Luft ist mit Sauerstoff angereichert, damit die Kundschaft nicht müde wird. 8,5 Milliarden Dollar hat die Glücksspielindustrie 2004 eingenommen, neun Prozent mehr als im Jahr davor.

Mindestens ebenso viel Geld wird fernab der Spielhöllen verdient. Die Hotelbetten hinterhergeschmissen, das Essen praktisch umsonst - das war einmal in Las Vegas. Heute sorgen aufwändige Shows, luxuriöse Einkaufszentren und erstklassige Restaurants dafür, dass die Besucher ja nicht zu viel Geld wieder mit nach Hause nehmen.

Der österreichische Starkoch Wolfgang Puck unterhält fünf Restaurants in Vegas. Jedes Jahr werden an die zwei Millionen Gerichte serviert. David Robins ist der Mann, der den Laden am Laufen hält. Chefkoch und Geschäftsmann zugleich, denkt er nicht mehr daran, je noch ein eigenes Lokal in seiner Heimatstadt San Francisco zu eröffnen: "Seit der Internetkrise haben die Leute da kein Geld mehr. Hier kann ich Trüffel für 5000 Dollar kaufen und weiß, dass die weggehen." Robins mag es, dass die Wüstenstadt jeden willkommen heißt: "Hier wird niemand von oben herab behandelt wie in New York."

Vermarktung von Wünschen

Las Vegas ist ein Magnet für viele Jobsuchende. Hal Rothman, Professor an der Nevada State University, spricht vom American Dream: "Eine Kasino-Kellnerin verdient ohne Ausbildung bis zu 60.000 Dollar im Jahr." Manche unken, dass das Internet und die aufstrebenden Glücksspielindustrien in Asien die Erfolgsgeschichte beenden könnten. Hal Rothman glaubt nicht daran. Vegas, sagt er, sei die komplett entwickelte Version einer Dienstleistungsgesellschaft: "Unser Geschäft ist es, den Leuten ein Lachen aufs Gesicht zu malen, die perfekte Vermarktung der menschlichen Wünsche."

Schattenseiten

Nicht alles glitzert in Las Vegas. Hinter den tollen Kulissen verbarg sich immer schon eine triste Schattenwelt. Sex ist ein Milliardengeschäft, ausgebreitet auf alleine mehr als 100 Seiten im Telefonbuch. Die Wüstenmetropole hat auch eine der höchsten Kriminalitätsraten in ganz USA; fast jeder zehnte Einwohner ist drogen- oder alkoholabhängig.

Ursprünglich waren die "Wiesen" - nichts anderes bedeutet der Name Las Vegas - eine öde Wüstenstadt mit ein paar heißen Quellen und einer Hand voll Einwohnern. Das hat sich geändert. Die Einwohnerzahl hat sich innerhalb der letzten zwölf Jahre auf 1,6 Millionen verdoppelt. Obwohl Glücksspiel jetzt auch in fast allen anderen US-Staaten legal ist, hat Las Vegas 2004 erstmals die Marke von 37 Millionen Besuchern überschritten. (Beatrice Uerlings, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2005)

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    Regisseur und Schauspieler Clint Eastwood und seine Frau Dina posieren im Zockerparadies. Eastwoods erste Filmrolle in Sergio Leones "A Fistful of Dollars" (1967) inspiriert heute noch Automatenhersteller in Las Vegas.

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