Ein Kuss, und seine Folgen

17. Mai 2005, 12:11
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Internationale Umsatzzuwächse bei Fotografie-Auktionen

Ein inszenierter Kuss vor dem Pariser Rathaus machte den Anfang: Robert Doisneaus legendäres Motiv brachte das Zehnfache der Experten-Erwartungen. Und auch die folgenden Auktionen zwischen Paris, New York und Köln vermochten zu überzeugen: Umsatzzuwächse bei Fotografie bis hin nach Wien.


Paris - Robert Doisneaus Kussszene war nur die Vorhut. Am 25. April ersteigerte ein Schweizer Bieter bei Artcurial in Paris das Vintage Le Baiser de l'Hôtel de Ville für 155.000 Euro. Das legendäre Motiv, 1959 von Life in Auftrag gegeben, übertraf die Erwartungen der Experten um das Zehnfache. Gleichzeitig markiert das Ergebnis einen Meilenstein für das Oeuvre Doisneaus, denn mit diesem einen Zuschlag setzte der Markt mehr um als im gesamten Jahr 2004, als man für 43 Arbeiten knapp 92.000 Euro lukrierte.

In der Folge gelangten - abseits der im Rahmen von Contemporary-Offerten angebotenen - in New York (26./27. April), Wien (28. April) und Köln (30. April) mehr als tausend Fotoarbeiten unter den Hammer. Und wie bekommt diese Fülle dem Markt? Seit dem Fotoboom 1999 sank das Angebot auf dem Auktionsmarkt kontinuierlich bis zum Tiefststand 2004: 7000 Fotoarbeiten versteigerte man vergangenes Jahr, 2000 waren es noch 9200 gewesen. Gleichzeitig stieg aber laut Artprice der Umsatz rapide an und feierte 2004 mit 70 Millionen Dollar den bisherigen Höhepunkt und eine Steigerung von satten 31 Prozent gegenüber 2003.

Das Segment zeitgenössischer Fotografie spielt dabei eine große Rolle: 2004 verdoppelte sich das Angebot und von jenen 105 Arbeiten, welche die magische 100.000-Dollar-Grenze überschritten, stammten 70 aus dieser Kategorie. Hier sind auch die Aufsteiger zu finden. Mit Diane Arbus, der "teuersten" Künstlerin, oder mit Richard Prince, der mit einer Wertsteigerung von unglaublichen 187 Prozent spät zum Shootingstar 2004 wurde.

650.000 Dollar zahlte ein Sammler vergangenes Jahr bei Sotheby's für Women looking in the same direction, einer Prince-Arbeit aus dem Jahr 1980. Er findet sich aktuell nicht in den Top-Ten-Ergebnissen der Anbieter Christie's (26. April), Phillips (27. April) oder Sotheby's (27. April), dafür aber Diane Arbus oder Vertreter der Klassischen Moderne. Etwa bei Christie's, wo das Foto eines Kindes mit einer Spielzeug-Handgranate, 1961 von Arbus inszeniert, für 408.000 Dollar in europäischen Privatbesitz wechselte und sich Alfred Stieglitz' Magazin-Camera-Work-Jahrgänge 1903-1917 sowie Man Ray's Érothique Voileé von 1933 mit je 284.000 Dollar in das Top-Ten-Ranking spielten.

Phillips schlug anderntags für 100.000 Dollar, dem höchsten Zuschlag der Sitzung, bei Ansel Easton Adams Moonrise von 1941 zu. An zweiter Stelle findet sich hier Albert Renger-Patzschs Buchenlandschaft von 1936, die für 95.000 Dollar statt der taxierten 20.000-30.000 den Besitzer wechselte.

Sotheby's untermauerte den Arbus-Boom und schlug A Box of Ten Photographs für den Künstlerrekord von 553.600 Dollar zu. An die zweite Stelle hob ein privater Sammler Edward Steichens Porträt von Gloria Swanson aus dem Jahr 1924, für das er mit 273.600 Dollar etwas mehr als die Schätzungen deponierte. An den aktuellen Umsatzzahlen gemessen übernahm Sotheby's, inklusive des Moholy-Nagy-Sales (782.400 Dollar) mit 5,75 Millionen, gegenüber Christie's mit etwas mehr als fünf Millionen Dollar und Phillips mit 3,57 Millionen Dollar die Führung.

In Köln träumt man bei Lempertz von solchen Umsätzen, behauptet sich aber auf dem europäischen Festland wacker. Die aktuelle Bilanz: 40 Prozent mehr Umsatz als vergangenes Jahr. Am weitesten schlug der Hammer für Bettina Rheims großformatige Crucifixion von 1997 aus, die zur unteren Taxe von 20.000 Euro an den französischen Handel weitergereicht wurde.

44 Prozent des weltweiten Umsatzes mit Fotos fallen allerdings in Preiskategorien zwischen 770 und rund 3900 Euro. Und hier kommt Wien ins Spiel, wo man im Herbst 2004 die Sparte Fotografie nach zweijähriger Pause wieder offerierte und immerhin den Umsatz verdoppeln konnte: Die Verkaufsquote von 44 Prozent summierte sich auf 111.000 Euro.

Immerhin lag der höchste Zuschlag mit 9500 Euro über erwähntem Durchschnitt und wurde für eine 420 Vintages umfassende Dokumentation der Weltreise des Erzherzog Franz Ferdinand 1892 erteilt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2005)

Von Olga Kronsteiner
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