Variierte Melancholie

11. Mai 2005, 19:40
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Der Pianist Gonzalo Rubalcaba gastierte im Wiener Konzerthaus

Wien - Den Kartenzahlern (diesmal im Konzerthaus) ab und zu das Gefühl geben, dass sie auch bemerkt werden - diese Bühnenetüde könnte er durchaus noch lernen. Sonst allerdings wenig.

Der 41-jährige Pianist Gonzalo Rubalcaba, der, vermittelt von Bassist Charlie Haden, längst beim Label Blue Note publiziert, verfügt über eine Technik, die einen glauben lässt, die leicht melancholische Aura des Kubaners werde durch die Erkenntnis verursacht, dass ihm alles so leicht fällt. Und es somit irgendwie an Herausforderungen mangelt.

Das täuscht natürlich. Zwar bewegt sich Rubalcaba auf dem handwerklichen Niveau eines Oscar Peterson (als dieser noch voll bei Kräften war). Doch sein sparsamer Einsatz der kaum begrenzten Fingermöglichkeiten im Sinne einer fast selbstquälerischen Befragung und Neudeutung der Melodien zeugt vom Appetit auf echtes Gestalten. Und vom Wissen, dass effektvolles Reproduzieren des Erübten unterfordert und den Konzertsaal zum Zirkus macht.

Den anspruchsvollen Weg geht Rubalcaba auf afrokubanischer Basis; die Tradition wird indes zum Spielball rhythmisch-melodischer Jazzfantasien der gemäßigt modernen Art. Da werden Motive in Klangbildern aufgelöst, seziert, gedehnt und gestrafft, und in einem langsamen Crescendo streben sie schließlich einem Höhepunkt zu, auf dem die rasende Leichtigkeit des Linienspiels wiederum dramaturgisch Sinn macht.

Klar, dass solch vielfältiger Variationszugang nahezu epische Stücklängen nach sich zieht. Wenn man die Klangsensibilität eines Bill Evans in den Fingern hat, zugleich aber auch das rhythmische Niveau eines versierten Schlagzeugers, muss man allerdings nicht fürchten, Leerläufe zu produzieren.

Droht Gefahr, ist eben die Band zugegen, deren Konzept die Komplexität der Performance noch steigert. Rubalcaba kommuniziert mit den soliden Quartettkollegen kontrastvoll. So entstehen dann zwei bis drei eigenständige musikalische Schichten, und in dieses Gewirr der Polyrhythmik tupft das Klavier mitunter nur schüchterne Motive hin und macht sie zu wundersamen Symbolen der Einsamkeit. Irgendwie magisch, die Wirkung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2005)

Von Ljubisa Tosic

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g-rubalcaba.com

  • Artikelbild
    foto: emi
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